Der Start des Volvo Ocean Race 2014/15 in Alicante – Mensch gegen Natur

Um ehrlich zu sein war der Termin zum Start des Volvo Ocean Race in Alicante Anfangs für mich nichts weiter als die Gelegenheit einen Einblick in einen Sport zu kriegen. Einen Sport, mit dem ich selbst nichts verbinde und dem ich eigentlich auch nichts abgewinnen kann. Da stechen ein paar Boote in See und kommen Monate später in Gothenburg an. Ja, toll und auch bestimmt großartig für die Teilnehmer selbst. Aber warum sollte mich interessieren was in diesen Monaten passiert? Für mich stellte der Segelsport eine der Sportarten dar, zu denen der Zugang sehr schwierig ist und für Laien kaum lohnt.

Bis ich in Alicante vor den sieben kompakten Karbon-Booten stand, die vielen hundert Menschen um mich herum auf mich wirken ließ und allmählich verstand mit welchen Konsequenzen es verbunden ist so lange auf See zu sein und dabei Höchstleistung zu bringen.

 

Bis ich verstand, wie viel Emotionen der Start in dieses Abenteuer aufbauen kann. Es muss ähnlich gewesen sein, wenn Menschen sich einst auf machten um alleine zum Nordpol zu reisen. Oder als Erste die Welt in einem Flugzeug zu umrunden. Vielleicht nicht alle der Besucher in Alicante, aber doch immerhin ein Großteil scheinen zu wissen was das Volvo Ocean Race für die Segler bedeutet. Auch weil die Menschen im südöstlichen Spanien so verbunden sind mit dem Meer. Wenn sie sich beim Start im Hafen unterhalb des Castillo de Santa Bárbara in ihren kleinen Bötchen, auf ihren mittelgroßen Segelbooten oder auf ihren Jet Skis zum Startpunkt begeben und dem Spektakel beiwohnen, packt auch jeden Unbeteiligten das große Ganze. Man kann die Anspannung, die in der Luft liegt, förmlich spüren. Spürt, wie viel Glück die Menschen den Seglern wünschen und auch die Angst, dass jemandem auf der langen Reise etwas passieren könnte. Die Spanier versuchen auf ihre eigene Art und weise die Stimmung zu heben. Da legen sich dann auch mal Jetskipiloten mit der Guardia Civil an, es wird von einem Schiff zum anderen gerufen, es wird gesungen und jeder versucht die beste Sicht auf das Geschehen zu kriegen. Auf dem Boot direkt nebenan übergibt sich eine hochschwangere Spanierin ins Meer. Ich an Ihrer Stelle wäre zuhause geblieben vermute aber dass sie sich die Show aber auf keinen Fall entgehen lassen wollte. Und über den Segelmasten fliegen die Helikopter ihre halsbrecherischen Manöver um das Rennen in Bild und Ton einzufangen. Die Chinesen – dieses Jahr mit einem Team am Start – scheinen ein eigenes Schiff gemietet zu haben um ihr Team lautstark anzufeuern und schwenken euphorisch die chinesische Flagge. Hier in Alicante stehen die Menschen hinter den Seglern.

Dieses Jahr sind zum ersten Mal alle sieben Boote gleich. Vom Karbon-Rumpf über den Kiel bis hin zur Form des aus Hightech Stoff gebackenen Segels. Es handelt sich immer um die Volvo Ocean 65. Dadurch können einzig die Mannschaften den Unterschied machen. Damit wollte man bei Volvo dem Rüstungswettbewerb der vergangenen Ausgaben etwas entgegenstellen. Zuletzt wurden Summen im mittleren zweistelligen Millionenbereich in das Team investiert und die Boote waren so hochgezüchtet und auf Leichtbau getrimmt, dass sie kaum noch als seetüchtig zu bezeichnen waren. Durch die sieben gleichen Segelboote, die zusätzlich auch direkt für zwei Rennen eingesetzt werden sollen, halten sich die Kosten für die Teams in Grenzen und die Chancengleichheit macht das Rennen natürlich viel interessanter. Volvo geht es nicht um die Technik, sondern um die Menschen. So Volvo.

 

Die Konsequenz daraus ist, dass es auf der Strecke von 38.739 nautischen Seemeilen über elf Zwischenstationen noch deutlich knapper zugehen dürfte als in vorherigen Ausgaben des Volvo Ocean Race. Und – viel wichtiger – man wirklich die Leistung der acht Mann starken Segelmannschaften und nicht der Technik sieht.

Denn ihr müsst wissen, für die Menschen an Bord ist es noch viel härter als man denkt. Nehmt das, was ihr denkt wie anstrengend und gefährlich es sein könnte und erhöht es um den Faktor drei. Ich war sehr überrascht über das, was ich über das Leben an Bord erfahren durfte. Beispiel gefällig? Die Segler, die sich gerade ausruhen dürfen, können nicht damit rechnen ein paar Stunden schlafen zu können. Nicht nur müssen sie selbst immer auf der Seite des Bootes sein, das bei Fahrt höher ist. Sie müssen bei einem Richtungswechsel auch mal eben geschmeidige 1600kg an Equipment von einer Seite des Bootes zur anderen tragen, bevor sie sich selbst wieder hinlegen. Und sollte irgendetwas am Boot kaputt gehen, muss auch das auf die Schnelle von denen repariert werden, die unter Deck sein dürfen. Es ist also immer viel zu tun und kaum Zeit für Schlaf. Schlaflosigkeit und dazu die großen Konsequenzen, die selbst kleinste Fehler haben können, machen den Alltag in den neun Monaten auf hoher See zu einer grenzwertigen Erfahrung.

Für welches Team mein Herz schlägt, lässt sich leicht beantworten. Nein, es ist nicht das Team Alvimedica mit dem türkischen Sponsor. Jeder mit dem ich sprechen konnte blickt besonders hoffnungsvoll und gleichzeitig besorgt auf das Team SCA. Hoffnungsvoll, weil es komplett aus Frauen besteht und jeder es wohl am liebsten sehen würde, wenn die Damen gewinnen. Denn damit könnte man ein Zeichen setzen und hoffentlich mehr Seglerinnen dazu bewegen, auch in gemischten Teams am Rennen teilzunehmen. Besorgt, weil ihre Mannschaft mit elf Frauen deutlich größer sein durfte als die Mannschaften der anderen Schiffe. Das soll ihnen dabei helfen, die schwierigen Situationen auf hoher See zu bewältigen. Es bringt aber natürlich auch das Problem mit sich, dass die Frauenmannschaft trotzdem nicht mehr Platz zur Verfügung hat als die anderen Teams. Über die Dauer von neun Monaten könnte das durchaus zu einer großen Belastung werden. Mehr zum Team SCA könnt ihr bei Hyyperlic finden,

 

Wenn ihr jetzt Interesse am Volvo Ocean Race bekommen habt: Über die extra erhältliche App könnt ihr jederzeit den Livestand verfolgen. Da dieses Jahr auch auf jedem Boot ein Journalist als neuntes Besatzungsmitglied embedded ist, der nicht Teil des Teams ist, können wir immer mit spannenden Aufnahmen rechnen. Der Journalist hat einzig und allein die Aufgabe, das Team zu beobachten und festzuhalten was passiert. Neben den vielen Kameras an Bord, die von der Race Control in Alicante aus jederzeit angesteuert werden können, sind sie dafür zuständig Vorfälle zu dokumentieren und regelmäßig Bild- und Videomaterial abzuliefern. Es dürften also auch für uns nicht involvierte spannende neun Monate werden.

Eine Woche vor mir – beim Alicante In-Port Race – war Autogefühl vor Ort. Autogefühl beleuchtet etwas genauer die finanziellen Aspekte des Volvo Ocean Race. Außerdem findet ihr auf dem Racingblog einen interessanten Artikel zum Volvo Ocean Race.

DISCLOSURE: Ich wurde von Volvo Deutschland nach Alicante, Spanien eingeladen. Reisekosten, Unterkunft und Verpflegung wurden von Volvo übernommen.

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