E-Mobilität mit dem Nissan Leaf: Tag 1 – klappt es?

E-Mobilität mit dem Nissan Leaf - Elektroauto, Tag 1

Ich habe mich schon eine ganze Weile auf diesen Feldversuch gefreut: Zwei Wochen Alltag mit dem Nissan Leaf, ohne Abstriche. Am Ende die Antwort auf die Frage: Klappt es, mit einem reinen Elektroauto pro Tag über 100 Kilometer zu pendeln? Ich habe mich aus einem Grund darauf gefreut: Ich finde die Elektromobilität zwar toll und bin auch von Ihrem Erfolg überzeugt, doch habe selbst ich so manche Bedenken wenn es darum geht vom Ottomotor auf den Elektromotor umzusteigen. Eigentlich hat man ja immer ein wenig Angst vor dem Unbekannten. Und ein Auto das eine feste Reichweite hat und das man nicht mal eben kurz volltankt ist für mich eine unbekannte Grundsituation.

Immerhin: Theoretisch kann man in gerade mal 30 Minuten den Akku an einer Schnellladestation wieder auf 80% aufladen. Doch wenn man sich das Ladestationsnetz hier rund um Köln ansieht, bekommt man Zweifel, ob man es im Falle eines Falles bis dort hin schafft. Dann kommen ja noch die unterschiedlichen Bezahlsysteme der Ladesäulenbetreiber. Ich hab mich mal schlau gemacht und immerhin bei RWE die Möglichkeit entdeckt, per SMS die Ladung zu bezahlen. Ohne Vertrag und Monatsgebühr. Siehe hier.

In meinem Fall muss das nächtliche Laden des Nissan Leaf zuhause in der Tiefgarage ausreichen. Vor ein paar Monaten erst habe ich eine Steckdose anbringen lassen. Und bei der Gelegenheit auch unseren Stromtarif auf einen Ökomix (Wemio) umgestellt. Ich will ja hier schließlich nicht ein Elektroauto testen und gleichzeitig mit Strom aus Braunkohle betanken, das hätte einen schalen Beigeschmack.

Ich fasse also zusammen: Zwei Wochen bin ich so grün unterwegs wie noch nie und bin auf die neuen Erfahrungen gespannt!

Die Pendelstrecke

Ich pendle jeden Tag von Köln nach Bonn. In Kilometerangaben sieht die tägliche Strecke so aus:

  • Hinfahrt über A1, A4 und A59 mit 57,2km
  • Rückfahrt über A555, A4 und A1 mit 54km

Macht in der Summe mindestens 111,2 Kilometer pro Tag bei einer Maximalreichweite des Leaf von 199km mit voller Ladung.

Ihr seht: Ich habe mich nicht ohne Grund dazu entschieden. Meine Strecke ist nicht das übliche „10 Kilometer innerhalb der Stadt“ aber auch nicht das vier-Stunden-pro-Tag-unterwegs gependele. Nein, ich liege genau in dem Rahmen, den der Nissan Leaf deckeln können sollte.

Die ersten Kilometer und Sorgen

Nachdem ich den Leaf bei Nissan abgeholt hatte waren es von dort noch 22 Kilometer bis nach Bonn. Der Akku war zu 90% geladen (130km Restreichweite laut Display) und schon war ich am Nägel knabbern ob es denn noch reicht. Man weiss ja erstmal auch nicht wie genau die Restreichweite angegeben wird. Geht sie um 40 Kilometer runter sobald man Gas gibt?

Nur um sicher zu gehen hab ich erstmal die Heizung ausgemacht, um ganz ganz sicher zu gehen auch noch das Licht ausgeschaltet und überlegt wieviel es wohl bringen könnte das Display zu dimmen (beim Handy macht das ja ne Menge aus). Mag jetzt vielleicht erstmal naiv klingen, doch tatsächlich rechnet man im Kopf rum wie man welchen Verbraucher benutzen sollte. Während durch die Heizung die Restreichweite um 10 Kilometer nach unten geht, schien die Sitzheizung einen eher marginalen Impact zu haben. Also habe ich mit der Vorlieb genommen. Dank Winterpaket gibt’s auch noch eine Lenkradheizung.

Eco-Modus oder Full Throttle?

Natürlich der Ecomodus. Den zu deaktivieren und den Restkilometern dabei zuzusehen wie sie proportional zur Beschleunigung herunterzählen war nur einen Wimpernschlag lang lustig. Dann kam der Ernst der Situation: Was tun, wenn der Akku doch zu früh leer ist? Das Navi bietet eine Ladestationsübersicht mit einer Radiusangabe wohin man es noch schaffen kann. Trotzdem wäre ich dann zu spät auf der Arbeit oder müsste Abends auf ein wenig Feierabend verzichten, vor allem wenn man einen Umweg zum Laden in Kauf nehmen muss. Der Ecomodus, richtig eingesetzt, lässt hingegen die Restkilometer kaum sinken. Immerhin habe ich auf den ersten 20 Kilometern schon meine ersten zwei Bäume gesammelt, ich scheine also einen guten Job zu machen. Wie stressfrei das Fahren ist, wenn die Beschleunigung der Entdeckung der Langsamkeit gleicht (ungelogen: 1 Stundenkilometer mehr pro Sekunde), kann ich euch sagen: Es ist extrem stressig! Die Leute hinter einem kann man förmlich Feuer spucken sehen. Ganz zu schweigen vom Sattelschlepper auf der rechten Autobahnspur, den man demnächst mal überholen möchte. Wenn man dadurch nicht Reichweite einbüssen will, muss man einen solchen Schritt strategisch planen. Die Entspannung kommt erst im Stop&Go-Verkehr. Wenn der Leaf steht, verbraucht er auch praktisch nix. Und wenn er anfährt, kommt er mit den Anderen mit ohne dass man das Gaspedal durch den Unterboden treiben muss. Das Resultat: Mehr Kilometer gefahren als Restreichweite eingebüsst! Ein gutes Gefühl.

Lange Rede kurzer Sinn: Theoretisch habe ich ja 87,8 Kilometer „Reichweitenspielraum“. Ich weiss jetzt schon wofür die draufgehen werden: Ich sitze lieber im Kalten als dass ich auf das kurzzeitige Deaktivieren des Eco-Modus bei Überholvorgängen verzichte.

Sonstige Randnotizen
  • Das Fahren im lautlosen Auto finde ich immernoch deutlich weniger spektakulär als es immer suggeriert wird. Windgeräusche hat man trotzdem und es gibt auch genug Verbrenner bei denen man den Motor kaum noch wahrnimmt.
  • Hab was von „nach Möglichkeit 10 Ampere“ bei der 08/15 Haussteckdose gelesen. Keine Ahnung was ich hab. Mal sehen ob die Sicherung rausspringt.
  • So viele neue Symbole auf so vielen Tasten! Und auf gefühlt jeder Zweiten ist ein Steckersymbol drauf. Hmm, später mal ein wenig wild rumdrücken
  • Gerade hat sich herausgestellt, dass ich heute nach der Arbeit direkt noch woanders hinfahren muss. Was ist der erste Gedanke? Genau: Schnell bei Google Maps die Zusatzkilometer berechnen. Scheint zu passen, wäre ärgerlich gewesen wenn nicht.

 

Zum Schluss möchte ich euch noch wissen lassen, dass ich mich bewusst nicht im Vorfeld über Details des Nissan Leaf oder die Technik informiert habe. Ich möchte so unbeeinflusst wie möglich an die Sache rangehen, vor allem aber mit den „Ottomotor-Fahrer-Augen“. Das Prinzip: Schlüssel in die Hand und los geht’s.

Ich werde euch in nächster Zeit an meinem Versuch natürlich weiterhin in dieser Form teilhaben lassen. Solltet ihr Fragen haben oder etwa Hinweise, dann schreibt mich einfach an!

Weiter zum 2. Teil aus dieser Serie: Nissan Leaf: Tag 2, 3 und 4 – Routine
3. Teil der Serie: Tag 9 mit dem Nissan Leaf – wenn der Akku morgens leer ist

6 Antworten auf „E-Mobilität mit dem Nissan Leaf: Tag 1 – klappt es?“

  1. Das ist ja mal ein spannender Test. Ich wünsche vor allem viel Erfolg.

    Mich hätte beim ersten einsteigen ja direkt stutzig gemacht, das 90% Ladung eine Restreichweite von 130km bedeuten. Das hätte ja zur Folge, dass eine volle Ladung nur für 143km reichen würde. Das ist ganz schön weit weg von den versprochenen 199km, um genau zu sein 28%…

    1. @Jan:
      Korrekt. Das war ja gestern. Heute früh ins 100% geladene Auto gestiegen: Restreichweite 148km. Hab heut früh aber auch den Tageskilometerzähler genullt und mal sehen ob sich tageskilometer plus Restreichweite auf 148km summieren…. mehr gibt’s demnächst 🙂

      viele Grüße
      bycan

  2. Hmm, also für mich gehört der Leaf noch zur Gattung der „alten“ E-Fahrzeuge, absolut spaßbefreite Feigenblätter, mit denen man sich selbst kasteiend das ökologische Gewissen beruhigt.
    Das merkt man insbesondere an Deinem Absatz zum Beschleunigungsverhalten, das mit voller Beladung inkl. Mitfahrern vermutlich sogar noch unlustiger wird.

    Dann lieber einen i3. Der hat zwar ein gewöhnungsbedürftige(re)s Design, aber innen auch sehr viel Platz, wesentlich mehr moderne Technik (z.B. in Sachen „Connectivity“, aber auch bei der Bauweise) und der Testfahrer, der vor mir auf der Landstraße vor kurzem alle überholt hatte schien mit mangelnder Beschleunigung auch kein Problem zu haben. Oder generell mangelndem Fahrspaß.
    Dabei kostet der Leaf zumindest in der Tekna Version mit Batteriekauf genauso viel wie der i3.

    Also, irgendwie ein „no-brainer“…

    1. @Robert:

      Hi Robert,

      hmmm der Vergleich hinkt ein wenig… während der i3 ganz frisch am Markt ist und sich und seine Zuverlässigkeit erst noch beweisen muss ist der Nissan Leaf das meistverkaufte Elektroauto und damit DAS Fahrzeug wenn es um die Beurteilung des aktuellen Standes der Elektromobilität geht. Dass er dicke Sitze hat und viel Gewicht und nicht sonderlich edle Materialien steht auf einem anderen Blatt. Hinzu kommt dass der i3 auch nicht mehr Reichweite hat und nur geringfügig mehr Topspeed.
      Die Beschleunigung ohne Eco-Modus ist auch im Leaf …sagen wir mal *überraschend* für alle anderen Verkehrsteilnehmer.
      Ob man im i3 mehr Fahrspaß haben kann ohne Reichweite einzubüßen würde mich natürlich auch interessieren.

      vg
      bycan

  3. Hallo bycan,

    sorry für die späte Antwort.
    Ich denke natürlich nicht, daß der Vergleich hinkt. 😉
    Außer wenn man sagt, der i3 ist halt neuer also muß er eh viel besser sein als der Leaf. Aber ich denke die Ingenieure bei Nissan hätten durchaus auch besser gekonnt, wenn es gewollt wäre.

    Fakt ist, der i3 ist auf dem Papier und den ersten Tests zufolge um Längen besser als der Leaf. Das wäre kein Problem, wenn er wesentlich teurer wäre, ist er aber leider nicht. Und das ist ein gewaltiges Problem für Nissan.

    Ich bin mir auch nicht sicher, wen eine Beschleunigung von 11,5 Sekunden auf 100km/h überrascht, es sind vermutlich die Leute, die an der Ampel sowieso nie aus dem Knick kommen. 😉
    Der i3 schafft das ganze jedenfalls mehr als vier Sekunden schneller, und das ist eine Welt. Der Topspeed ist beim i3 auch deswegen limitiert, um die Batterie zu schonen. Außerdem ist er (wie der Leaf) ein Stadtauto, da ist mir Topspeed eh nicht so wichtig. Beschleunigung aber umso mehr.

    Woher das kommt ist natürlich auch klar – der i3 wiegt mehr als 300kg weniger als der Leaf. Das bei einem maximalen Ladevolumen von 1.100l zu 720. Und da ist eben auch das revolutionäre des i3, was dem Leaf abgeht – Leichtbau.

    Dazu kommt dann noch BMWs Stellung und (sehr gutes) Marketing als Premiumhersteller, dem man einen Preis von knapp 35.000 Euro für einen Kleinwagen eh viel eher abnimmt als Nissan.

    Und zur Zuverlässigkeit – es sind beides Elektroautos. Da geht nichts kaputt, abgesehen davon daß heutzutage eh keine wirklich unzuverlässigen Autos gebaut werden.

    IMHO kann Nissan nur auf zwei Arten reagieren – den Leaf massiv verbessern oder den Preis massiv senken. Letzteres versuchen sie ja bereits durch die eingeführte Batteriemiete, was aber eher Augenwischerei ist (weshalb ich auch die Preise ohne Batteriemiete vergleiche).
    Oder darauf hoffen, daß genug Kunden vom radikaleren Design des i3 abgeschreckt werden.
    Was sie *nicht* tun sollten ist darauf warten, daß i3s massenhaft mit Fehlfunktionen am Straßenrand abgestellt werden. 😉

    Der Leaf an sich ist ein gutes Auto, mit vielen guten Ideen. Der i3 ist aber leider (viel?) besser.

    MfG,

    Robert

    1. @Robert:

      OK, ja, i3 und Leaf sitzen in der gleichen Fahrzeugkategorie direkt nebeneinander. Und ja, Nissan hat zwar einen großen Vorsprung was Know-How und Verkaufszahlen angeht (die vom i3 stimmen genaugenommen nichtmal, weil viele davon ans eigene Carsharing gehen). Und ja, aus Konsumentensicht konnte eigentlich gar nix besseres passieren.
      Das eigentlich Tolle an der Sache ist, dass man mit dem Leaf schon erleben kann, dass es wirklich funktioniert – im Alltag! Ich bin mir irgendwo auch sicher (spreche allerdings ohne mit einem Fachmann darüber gesprochen zu haben), dass Nissan damals mit dem Leaf bewusst den Weg gegangen ist es in ein stinknormales Auto zu verpacken. Denn nur so vermeidet man beim pot. Kunden das Gefühl von „iih, das ist ja was völlig neues und ungewohntes“. Beim Leaf ist das Motto eher: Elektroauto fahren und kaum etwas davon merken. Es schreckt nicht ab.

      BMW geht den exakt entgegengesetzten Weg. Alles anders machen, alles neu machen. Was bei den Käufern gut ankommt ist noch nicht entschieden. Du oder ich sind immer offen für neues. Aber was ist mit den vielen Konservativen Menschen in unserem Lande? Die Autos nur in schwarz oder weiss kaufen? Wagen sie es nicht gerade wenig Geld in eine völlig anders gedachte Autoidee zu investieren oder ist die Hemmschwelle da schon zu groß?

      Ich bin mir sicher dass BMW hierzu jede Menge Marktforschung betrieben hat. Nur gibt es auch aus der Autoindustrie genug Beispiele für Ideen, die zu früh für den Markt waren (Audi A2 um ein Beispiel zu nennen)

      Es könnten auf absehbare Zeit also durchaus beide friedlich nebeneinander existieren.

      Apropo Batteriemiete: Ich dachte BMW wäre das erste Unternehmen dass zum Elektroauto zusätzlich die Option bietet, zwei Wochen im Jahr kostenlos ein „normales“ Auto zu mieten. Beim i3 ja einen 5er GT.
      Bei Nissan habe ich dann gesehen, dass man ebenfalls für zwei Wochen einen Nissan Murano erhält. Wer war denn nun der Erste mit dieser Idee?? (Ob Elektroautofahrer unbedingt einen Mega-SUV als Ersatz wollen sei mal als zweite Frage hinten angestellt…)

      lg
      bycan

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