Abarth 500 Fahrbericht

Die Charakterstärke des Abarth 500.

Ich kann gar nicht anders als das Teil in den Himmel zu loben. Ja, klar, irgendwie muss ich das ja, schließlich hab ich mir selbst einen gekauft und würde wohl gerade als Autobloggern nicht wirklich zugeben dass ich einen Fehler beim Autokauf gemacht habe. Aber das ist nicht der Grund, ich schwöre es. Der Grund ist eher, dass es dieser kleine Giftzwerg ganz weit in mein Herz geschafft hat und ich mich immer noch auf jede Fahrmöglichkeit freue. Fast schon wie damals, als ich den Führerschein neu hatte. „Was? Wir haben ein Brötchen zu wenig? Kein Problem, ich hol eins.“ Mit wunderbar einfachen Mittel schafft der Abarth 500 das, was die meisten anderen Autos nicht schaffen. Er beweist Charakterstärke. Ich lege immer wert darauf, dass es ein Abarth ist und kein Fiat. Auch wenn es reines Badge-Marketing-Branding ist. Aber ich fahre gerne mit einem Italiener mit Österreichischem Namen herum, der in Polen hergestellt wurde.

Multikulti vom feinsten und dann auch noch mit einem solch traditionsreichen Namen. Sowohl was die 500 angeht als auch die Marke Abarth.

Der engste Konkurrenz für den Abarth war der Suzuki Swift Sport. Deutlich besseres Fahrwerk und deutlich unterhaltsamere Schaltabstufung – aber der Abarth sticht was Optik und Klang angeht. Es ist verrückt wieviel Leute mich schon drauf angesprochen haben. Oder wie oft der kleine schwarze von Passanten näher betrachtet wird. Seine schrullige Form wirkt so einladend freundlich und erst auf dem zweiten Blick (besonders in schwarz) bemerkt man die Lufteinlässe und tiefgezogenen Schürzen. Böses kleines Ding! Auf den Klang wird man mindestens genauso oft angesprochen. „Der klingt ja ziemlich groß, der Kleine!“.

Wie wahr: Der Turbogeladene 1,4 Liter Hubraum 16V 4-Zylinder passt nicht so recht mit dem zusammen was da hinten rauskommt. Unsere Record Monza Abgasanlage von Magnet Marelli besitzt eine simple Klappe. Daher auch die eigentlich übertriebenen 4 Endrohre. Zwei gehen über den Endschalldämpfer, zwei umgehen den Endschalldämpfer. Die Klappe allerdings rostet mit der Zeit an und irgendwann ist man gezwungen sich für „immer offen“ oder „immer zu“ zu entscheiden. Eindeutig ein Produktionsfehler, denn schon nach ein paar Tausend gefahrenen Kilometern fängts an. Der Klang bei geöffneter Klappe ist dann unvergleichlich: Der Abarth bollert tief im Standgas, nach oben raus wird er dann was rauher und höher und wenn man dann noch zwischen 4 und 5.000 Umdrehungen bei Vollgas in den nächsten Gang schaltet, quittiert der 500 das mit einem lauten Knall.

Seniorenschreck Abarth 500.

Was erwarte ich noch von einem Auto außer dass ich Senioren erschrecken kann? Eigentlich erfüllt er damit jeden Traum.

Doch ist er eben nicht einfach nur ein Blender. Durch das geringe Packmaß, das brettharte Fahrwerk ohne jeglichen Komfort und den spritzig freudig ansprechenden Motor lässt er sich wild und aggressiv durch die Kurven scheuchen.

7,9 Sekunden von 0 auf 100 und ein Topspeed von 205km/h.

Kurvengeschwindigkeiten bei denen unser Z3 nicht im entferntesten mithalten halten (geschweige denn die meisten Testfahrzeuge). Schnell untersteuert er mal und schiebt über die breiten 205er Schlappen in Richtung Kurvenäußeres. Allerdings ist das dann auch ein Punkt an dem man mal auf den Tacho sehen sollte welche Zahl da steht. Aufgrund der de facto nicht vorhandenen Seitenneigung (wie denn auch – mit einem Federweg von der Dicke eines Reclamheftchens) fühlt man die Kurvengeschwindigkeit eben nicht so direkt. Ich versuche bewusst nicht vom inzwischen völlig ausgeleierten „Go-Kart-Feeling“ zu sprechen. Besonders mit aktiviertem TTC (Torque Transfer Control), einer Elektronik die sporadisch ein Sperr-Differenzial simuliert indem sie per gezieltem Bremseingriff das Auto in die Kurve „eindreht“, kann man es in der Kurve nochmal ne Ecke heftiger angehen lassen. Am Ausgang der Kurve kommt er flink wieder in die Gänge und zieht vehement an der Vorderachse. Eigentlich kann man die Motorleistung gar nicht recht auf den Boden bringen wenn man das Gaspedal nicht konzentriert und kontrolliert bearbeitet. Klar, in einem solchen Moment vermisst man den Heckantrieb. Beim Schalten, beim Griff an die eiskalte Metallkugel (die perfekte Schaltknauf-Form, liebe Leser!) ist der Weg durch die Kulisse etwas zu weit, jedoch lässt sich trotzdem angenehm präzise schalten. Einzig der unsynchronisierte Rückwärtsgang ist die reinste Katastrophe. Wenn er mal direkt reingeht ist es pures Glück. Genauso schlimm ist es, dass dem Abarth eindeutig ein 6. Gang fehlt. Ab 170km/h ist es keine Freude wie hoch der Motor drehen muss um die Geschwindigkeit zu fahren. Und darunter wäre es eine sehr empfehlenswerte da spritsparende Maßnahme.

Egal, wir sprechen hier von einem Kleinwagen. Einem Auto bei dem kaum etwas elektrisch ist. Anklappbare Spiegel? Nicht bestellbar. Elektrische Sitze? Nicht bestellbar. Abblendender Innenspiegel? Nicht bestellbar.

Die Leichtigkeit des Seins.

Die Liste der nicht bestellbaren Komfortfeatures ist ellenlang. Ist das schlimm? Nein. Ganz im Gegenteil.

Ich habe bei meinem privaten Auto keine Lust auf mit der Zeit versagende elektrische Helferlein. Ich kaufe ein Auto mit der Vorstellung es bis zu seinem oder meinem Tode zu fahren. Stört es mich am Glaspanoramadach manuell den Sonnenschutz vorziehen zu müssen? Nein, wirklich nicht. Stört es mich den Sitz einmal richtig einstellen zu müssen und dazu meine Armkraft zu verwenden? Nöö… Jedem sportlich ambitionierten Fahrer kommt da ja auch noch was anderes in den Sinn: Leicht muss es sein! Die Rechnung: Je weniger Komfortzeugs, desto leichter ist das Auto. Beim Abarth steht 1.100kg im Heftchen. Geht in Ordnung, oder nicht? Wiegt damit fast exakt soviel wie unser Z3 aber mit 10 Jahren zusätzlicher Sicherheitsfeatures.

Wir erinnern uns: Der Fiat 500 war der erste Kleinwagen, der 5 Sterne beim Euro-NCAP-Crashtest erhielt. Eines finde ich dann beim Gewicht doch seltsam: Wir haben die optionalen Corse Sportsitze von Sabelt. Warum sind die trotz des Verzichts auf die Seitenairbags schwerer als die Serienbestuhlung? Von Sportsitzen sollte man erwarten können dass sie neben mehr Seitenhalt auch weniger Gewicht bringen.

Und wenn wir schon bei störenden Sachen sind: Es nervt, dass der weit hinten liegende Anschnallgurt jedesmal am Drehrad für die Lehnenverstellung hängenbleibt. Es ist völlig irrational dass sich in der Mitte des Tachos eine große digitale Uhr befindet. Zumindest beim Abarth gehört hier ein digitaler Tacho hin. Es ist nicht zeitgemäß, dass die Bedienung des Radios und des CD-Players über die Tasten des Radios erfolgt, die Bedienung der Musik vom USB-Stick jedoch umständlich über die Tasten am Lenkrad und das einzeilige Display im Tacho. Schuld daran ist, dass USB-Interface, Bluetooth-Interface und Telefonfunktionen im Gegensatz zum Radio über Blue&Me (Microsoft-OS) laufen. Was soll’s. Das sind alles Sachen die man schnell vergisst, wenn man in einer kleinen Kanonenkugel sitz, bei der man quasi während der Fahrt nach hinten in den Kofferraum greifen kann, ein griffiges dickes unten abgeflachtes Lenkrad in der Hand hält. Dabei einer großen runden Ladedruckanzeige beim tanzen zusehen kann und per Gear-Shift-Indicator, der bei richtiger Schalt-Drehzahl hektisch tieforange flackert, auf den nötigen Gangwechsel kurz vor dem Begrenzer hingewiesen wird.

Oder Nachts diese sexy Reflektion der Kotflügel-Blinker im Sockel der Aussenspiegel sieht. Denn sowas können nur die Italiener: Unbeabsichtigt kleine feine Designdetails in ein Auto einbauen.Wenn man dann beim Kilometerfressen noch von jedem zweiten Auto vollkommen unterschätzt wird und mit über 190km/h über die linke Fahrbahn düst oder in der Stadt -zack!- von Lücke zu Lücke wechselt oder die Rampen in den Parkhäusern als Go-Kart-Bahn mißbraucht, dann weiss man wieviel Spaß man mit einem Auto dieses Formats haben kann. Natürlich profitiert man auch von der Tatsache, dass der Abarth selten ist. 2010 (es gibt den Abarth seit 2008) wurden beispielsweise 705 Abarth 500 in Deutschland zugelassen. Dass die Wahrscheinlichkeit auf dem Parkplatz auf einen Zweiten zu treffen gegen Null geht erhöht den Reiz selbst einen zu fahren ungemein und gerade deswegen fällt er auch auf. Es muss nicht immer ein Porsche sein.

 

Fahrzeug: Abarth 500

Lackierung: Satinsilber
Felgen: Leichtmetallräder, geschmiedet, 19-Zoll, versetzte Doppelspeiche
Polster/Leder: Semianil­inleder Galaxys­chwarz, Applika­tionen Carbon

Motor: 1,4l 4-Zylinder Motor mit Turbolader
Hubraum: 1.368 cm3
Leistung: 99 kW (135 PS)
Drehmoment: 206 Nm
Getriebe: Manuelles 5-Gang Getriebe
Antrieb: Vorderradantrieb
Beschleunigung 0-100 km/h: 7,9s
Höchstgeschwindigkeit Vmax: 270 km/h

Türen/Sitze: 3/4
Verbrauch kombiniert: 6,5 l/100 km
CO2-Emission: – g/km

Ausstattung (Auszug): Magnet Marelli Record Monza Klappenauspuff, Sabelt Sportschalensitze, Xenonscheinwerfer, Panoramaglasdach, Metallschaltknauf, Metallabdeckungen Pedalerie, Zentralverriegelung, Blue&Me Freisprecheinrichtung, 17 Zoll Leichtemetallfelgen, Berganfahrhilfe, Gear-Shift-Indicator, Zusatzanzeige Ladedruck Turbo

Driver’s Groove Bewertung: 08/10

Preis: 23.000,- €

Bildquelle: Driver’s Groove

 

 

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