Infiniti Q70 Hybrid Fahrbericht

Infiniti Q70: Reinsetzen und nie wieder aussteigen.

Infiniti hat vor kurzem die Bezeichnung der angebotenen Modelle radikal geändert. Der von mir bereits getestete FX50s wurde zum QX70, der G wurde zum Q60 und der hier und jetzt von mir vorgestellte m35h wurde zum Infiniti Q70. Kurz zusammengefasst: Alle Buchstaben wurden durch das Q ersetzt, für die SUVs gibt’s hinter das Q noch ein X und bei allen Fahrzeugen dahinter eine zweistellige Ziffer, die den Rang im Produktportfolio darstellt. Damit sollen die Modelle besser einzuordnen sein und die Kunden nicht unnötig verwirrt werden. Der QX70 stellt somit nämlich zum SUV-Derivat des Infiniti Q70 dar und der QX50 die geländegängige Variante des – ihr könnt es euch denken – Q50. Tatsächlich ist das neue Bezeichnungsschema eingängiger, allerdings haben wir aufgrund dieses krassen Bruchs jetzt vorerst das Nachsehen.

Der 3,5 Liter V6-Sauger im Infiniti Q70.

Als ich den Nissan 370z testete und erfüllt von jungfräulicher Liebe ein Liebesgedicht an dieses wundervolle Auto verfasste, da war mir zeitgleich eines ganz besonders bewusst: Niemals würde der 370z als Familienauto in Frage kommen – es sei denn man gibt dem 370Z den Vorzug vor der Frau und hat maximal ein Kind. Als reiner Zweitwagen ist er dann auch zu teuer. Und trotz aller meiner Zuneigung zu dem Auto war der Abschied damals ein ganz besonders schwerer. Ich wusste, dass ich ihn gern hätte. Aber die fehlenden Notsitze es mir unmöglich machen werden. So ist es ja oft in der Liebe. Man würde alles für sie tun, der Angebeteten überall hin folgen. Doch irgendwann ist man gezwungen die Umstände zu akzeptieren und weiterzuziehen. In der Hoffnung dass das gerade verlorene nicht die eine große Liebe war sondern eine von vielen. Und die große Liebe an anderer Stelle auf einen wartet.

Der Gedanke „wenn du doch nur 2 Sitze mehr hättest“ ließ mich danach nicht mehr los. Auch der Gedanke an ein 370z Grand Coupé oder Shooting Brake oder sonst was nicht. Der eine oder andere schreit gerade vermutlich „Sakrileg! Brennt ihn nieder!“. Doch wenn man einmal Kinder hat möchte man trotzdem nicht auf gewisse Dinge verzichten. Auch wenn man sinnbildlich dazu gezwungen ist etwas Eckiges in etwas Rundes zu zwängen.

So absurd ist der Gedanke am Ende dann doch nicht. Denn siehe da: Natürlich wird dieses vor Kraft strotzende Sahnestück von Motor aus dem 370z auch bei Infiniti eingesetzt. Nämlich im m37. Auf Anfrage bei Infiniti musste ich leider erfahren, dass es den m37 aktuell nicht als Testwagen gibt. Dafür jedoch den m35h. Etwas weniger Hubraum, dafür aber die Kraft der zwei Herzen. Trotzdem einen Versuch wert? Aber selbstverständlich! Denn erstens diente dieser Motor im 350z, dem erfolgreichen Vorgänger des 370z, als Antrieb und zweitens klingen die Leistungsdaten ziemlich vielversprechend: Ein 3,5 Liter V6-Sauger mit 306PS (225kW) und 350Nm Drehmoment (VQ35HR). Ergänzt durch den Elektromotor ergibt sich eine Systemleistung von 364PS. Zum Vergleich: Der 3,7 Liter V6 des 370z leistet 331PS (VQ37VHR).

Während man erst der Vermutung erliegen könnte, dass der Motor gerade so genug Zunder mitbringt um das Dickschiff ordentlich auf Trab zu halten, wird man spätestens bei der ersten Ausfahrt eines Besseren belehrt. In 5,5 Sekunden ist die Tempo 100 Marke durchbrochen und die maximalen 250km/h werden von der Tachonadel schneller gekitzelt als man „To Infiniti(y) and Beyond!“ sagen kann. Buzz Lightyear lässt grüßen. Der Motor hat Power, power, power und ist mehr als adäquat für die Limousine. Dem Triebwerk des 370z steht er unter Zusatzleistung des elektrischen Antriebs in nichts nach.

Die Dimensionen des Infiniti Q70.

Man darf schließlich auch nicht vergessen, dass man sich in einem riesigen Dickschiff befindet, dass sich vom Fahrerplatz aus nochmals gefühlte 2,2-mal größer anfühlt. Vom belederten, breiten und hohen Thron herab blickt man auf die Infiniti-typischen Höcker der Motorhaube auf beiden Seiten. Schon beim Power-SUV FX50s hatte mich dieser Anblick fasziniert. Gezwungenermaßen definiert man die äußersten Ecken des Sehfeldes als Stellen hinter denen das Auto wohl noch Ewigkeiten in alle Richtungen weitergeht. Ende nicht in Sicht. Allein schon die Mittelkonsole ist Ellen länger als bei anderen Autos. Auf der Autobahn fühlt man sich durch die Kombination des starken Motors mit den beeindruckenden Dimensionen von allen negativen Einflüssen befreit. Am ehesten würde ein darwinistischer Ausdruck das Auto umschreiben. Man darf sich getrost zu „the fittest“ zählen.

Die Qualitäten des Infiniti Q70.

Die sanft schaltende 7-Gang Automatik tut ein Übriges um einerseits die Power auf die Straße zu bringen und andererseits für den zum Fahrzeug passenden Fahrstil zu sorgen. Da die Drehzahl des Motors sowieso irgendwie keinerlei Rolle zu spielen scheint ist man immer unaufgeregt unterwegs, egal ob gerade der Motor abgeschaltet wurde und man rein elektrisch unterwegs ist oder man mit dem Gasfuß nach Kraftfluss verlangt. Der Q70 ahnt voraus was der Fahrer gerade vorhat und sorgt nie für unbequeme Momente. Irgendwann akzeptiert man dann was der Infiniti Q70 von einem verlangt: Man muss ihn nicht quälen, keine Pedale malträtieren um das gewünschte Fahrerlebnis zu erhalten. Man fährt einfach.

Dabei steht der Infiniti der deutschen Konkurrenz in nichts nach. Ein Auto, dessen Türen mit einem solch satten „Plopp“ schließen hatte ich bisher noch nicht. Da stand ich also am Auto und machte jedes Mal mehrmals die Tür auf und zu. Unsere Nachbarn dürften sich gewundert haben. Die edlen Oberflächenapplikationen im Innenraum weisen eine Struktur auf, die den Papillarleisten an den Fingerkuppen nachempfunden ist, wodurch sie sich besonders hochwertig anfühlen. Ausprobiert und als „nicht reines Marketing-Blahblah“ erkannt. Die Klimaanlage besitzt einen Frische-Brise Modus (nennt sich Forest Air), der den Luftstrom ständig variiert und dadurch einen echten zärtlichen Sommerwind simuliert. Wie man ihn in freier Natur von einem entspannten Nachmittag im Garten kennt, an einen Apfelbaum gelehnt mit einem kalten Getränk in der Hand. Auch das ausprobiert und ebenfalls für gut befunden. Die breiten Ledersessel sind sowohl beheizt als auch klimatisiert. Störende Motorgeräusche werden über die Lautsprecher per gegenphasige Schallwellen ausgelöscht. Mit einem Wort: Dieses Auto legt sehr viel wert darauf für Entspannung zu sorgen. Und es gelingt dem Q70 wirklich.

Selbst in der Stadt, wo der Infiniti Q70 aufgrund seiner Dimensionen schnell zum falschen Werkzeug wird, bringt er den Fahrer in einen tiefenentspannten Zustand. Knapp unter 50km/h ist der reine Elektrobetrieb möglich. Dann schwebt man lautlos durch die 30er Zone und winkt gerne mal zuvorkommend dem Herren auf der Gegenspur damit er am geparkten LKW vorbeifahren kann. Hach, man hat ja Zeit und überhaupt: So schnell möchte man eh nicht aus dem Auto heraus. Denn dort draußen ist es laut und hektisch und unbequem. Durch den Q70 wird einem das bewusster als sonst. Schwächere Charaktere könnten sich im Infiniti Q70 schnell zum Einsiedlerkrebs entwickeln und sich bei jedem Versuch das Auto zu verlassen sofort wieder in den schützenden Kokon zurückziehen. Und tief durchatmen. Aussteigen kann man auch morgen noch.

 

Fahrzeug: Infiniti Q70 Hybrid

Lackierung: –
Felgen: –
Polster/Leder: Innenraum Graphite Leder und japanisches Eschenholz

Motor: 3,5l V6 Ottomotor + Elektromotor
Hubraum:3.498 cm3
Leistung: 364PS (268kW)
Drehmoment: 550 Nm
Getriebe: 7-Gang Automatikgetriebe
Antrieb: Hinterradantrieb
Beschleunigung 0-100 km/h: 5,5s
Höchstgeschwindigkeit Vmax: 250 km/h

Türen/Sitze: 4/5
Verbrauch kombiniert: 6,9 l/100 km
CO2-Emission: – g/km

Driver’s Groove Bewertung: 08/10

Preis Testfahrzeug: 58.840,- €

Bildquelle: Can Struck / Driver’s Groove

Das sagen andere Blogger über den Infiniti Q70:

autophorie glänzt mit großartigen Fotos und schreibt: „Er hat alle Annehmlichkeiten, die man sich wünscht, ein sehr edles Cockpit mit einer Übersichtlichkeit, die der asiatischen Zurückhaltung gleicht und einem Auto, das in seiner Klasse alle anderen mit einer Länge von 4,95 m in den Schatten stellt.“ passiondriving:  „Ich mag die muskulöse Linienführung entlang der Radhäuser. Vom Fahrersitz aus erinnert nach oben ausgeformte Motorhaube an die Perspektive aus einem 911er.“ mein-auto-blog: „Zum ersten Mal erlebe ich bei einem Testwagen aus Japan, eine Sitzplatz-Einstellung mit der ich zu 100 % zufrieden sein kann. Zum ersten Mal lässt sich der Sitz weit genug nach unten bewegen (natürlich elektrisch) und zum ersten Mal scheint die Rückenlehne nicht viel zu kurz und endet nicht bereits unterhalb des Schulterblatts.“ auto-geil: „Der Infiniti M35h Hybrid ist ein angenehm anderes Auto. Nichts passt so richtig zusammen, aber im Gesamtbild dann doch wieder. Und da passt es dann auch irgendwie richtig gut zusammen. Bei der Aussenform fängt dies schon an. “ rad-ab: „Straße trocken – drauf den Socken! Straße nass – Fuß vom Gas! Eine alte Regel (von Atze Schröder) die sich doch immer wieder bewahrheitet. Der Infinti M35h ist eine Heckschleuder, Motor vorne, Antrieb hinten.“

6 Antworten auf „Infiniti Q70 Hybrid Fahrbericht“

  1. Ein kleiner Punkt sollte nicht ganz unerwähnt bleiben.

    Nissan/Infiniti hat leider die Angewohnheit die Batterie hinter den Rücksitzen zu verbauen, sodas diese leider nicht mehr umgeklappt werden können, und der Kofferaum ca. 50% des Ladevolumens verliert.

  2. Hallo Mirco, dies ist ein wichtiger Punkt, der für mich aber auch unverständlich ist. Warum wird die Batterie hinter den Rücksitzen verbaut? Viele Grüße Ferdinand

  3. Fahre den m35h seit 2 Jahren und habe 104’000 km auf der Uhr. Ich kann das Geschriebene eins zu eins bestätigen. Szene vor einiger Zeit: Meine Frau und ich kommen von Konstanz zurück nach einem feinen Abendessen, gleiten lautlos am See dahin, sitzen völlig entspannt in den Sesseln, es läuft Blues, sonst herrscht die absolute Ruhe und Entspannung. Es ist eine wunderbare Dämmerungsstimmung. Bei der Ankunft zu Hause sind wir dann beide gar nicht glücklich schon angekommen zu sein, also ein kurzer Blick, das Auto war so oder so noch nicht abgestellt, weiter geht es erst mal, egal wohin, Hauptsache nicht aussteigen und diese Oasenstimmung nicht zerstören. So fahren wir weiter nach Romanshorn und genehmigen uns dort am Ufer noch einen Gute Nacht Trunk um dann wieder in unserem Infiniti Freund nach Hause zu entschweben.
    Die Faszination dieses Autos hat auch nach 100’000 km um nichts nachgelassen. Ich kenne seine Macken gut, aber diese haben keinen Einfluss auf wiederum meine „Verliebtheit“.

    1. Hallo Bernhard,

      es freut mich dass du meine Beobachtungen bestätigen kannst! Der m35h ist wirklich das, was ich unter einem stimmungsfördernden Stress-Abbau-Mittel verstehe. Das Gefühl hatte ich übrigens erst kürzlich wieder in einem Audi A7. Nur dass der kein Hybrid ist und sich mal eben 13 Liter Super auf 100km gegönnt hat 😉

      Ganz nebenbei: Du kannst auch ziemlich gut schreiben! 🙂
      Wünsche dir allzeit gute Fahrt (und noch weitere 100.000km) mit deinem Infiniti

      Viele Grüße
      bycan

  4. Und weisst Du welches Auto ich in Ergänzung zu meinem M Hybriden unbedingt und sehnlichst mindestens mal ausgiebig fahren, wenn nicht sogar besitzen würde……?? Den GTR Jahrgang 2014. Verrückt aber wahr. Aber wirklich nur in Ergänzung zu meinem M, so quasi als optimales kontrapunktisches Beiboot zu meiner Wohlfühloase M…

    Grüsse von Bernhard

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