Lexus RC-F Carbon Fahrbericht

Eine Seele zu finden, ist nicht immer einfach.

Ich bin von ganzem Herzen davon überzeugt, dass gerade diejenigen Fahrzeuge, die nicht nur dazu geschaffen wurden, Insassen von A nach B zu bringen, eine Seele besitzen.  Autos also wie der Lexus RC-F Carbon, bei denen jemand in der Entwicklung – etwa ein Baureihenleiter – laut schreit: „Und jetzt macht, dass die Karre jedem Fahrer ein Lächeln ins Gesicht zaubert!“

Was nach einer solchen Ansage durch den oder die Entscheider passiert, führt dazu, dass diese Fahrzeuge einen für sich ganz eigenen Charakter bekommen. Denn all die vielen beteiligten Ingenieure und Designer sind anschließend in der Entwicklung darauf konzentriert, eine gemeinsame Sprache zu finden. Eine Sprache, die beim Fahrer Emotionen auslöst. Das Produkt erhält dadurch eben eine Seele. Oder auch: Menschliche Züge.

Erstkontakt mit dem Lexus RC-F Carbon.

Diese Seele konnte ich beim RC-F zuerst nicht entdecken. Und ganz ehrlich: Hätte ich ihn nur für ein oder zwei Tage fahren können, ich hätte sie nicht gefunden und wäre ein wenig enttäuscht gewesen. Dabei hört sich das, was der Lexus RC-F bietet, vielversprechend an: Hinterradantrieb, ein frei atmender 5 Liter Sauger-V8, eine acht Gang Automatik und ein Design, dass eine erfrischend andere Richtung einschlägt als jenes der Europäer. Weg vom gelutschten Drops.

Doch nach dem ersten Tag mit dem RC-F hatte ich das Gefühl, dass lediglich das tolle Design bleibt und die anderen Pluspunkte sich im realen Umgang mit dem Coupé kaum manifestieren. Man könnte das Kapitel auch mit „etwas fehlt“ betiteln.

 

Nächstes Kapitel: Der Tag X mit dem Lexus RC-F.

So vergingen die ersten Tage. Ich entdeckte zwar das eine oder andere Detail, das mir vorher entgangen war. Aber summa summarum änderte sich nicht viel am Eindruck. Auch wenn ich langsam begann, an einigen Dingen Freude zu entwickeln. So etwa am letzten Drittel des Drehzahlbandes dieses V8-Motors. Dann nämlich erhält man den Extrakick Schub. Oder an der 8-Gang Automatik, die einem auf der Autobahn vor Augen führt, wie krass sie ist. Bei 200km/h befindet man sich aufgrund der Getriebeübersetzung gerade mal im fünften Gang und kann einfach 3 – in Worten drei – Gänge weiter hoch schalten. Umgekehrt vor dem Überholvorgang wieder runter schalten. Ebenfalls drei Gänge. Oder am wirklich scharfen Design, das so viele Blicke auf sich zieht, wie schon lange kein Auto mehr. Oder nicht zuletzt auch an den Abmessungen des Fahrzeugs, die sich so gut einschätzen lassen.

Aber entscheidend war letztlich nur dieser Moment am Tag X.

Der Moment kam auf einer leicht feuchten, perfekt asphaltierten Landstraße. Bei Sonnenschein und mildem Klima. Da dachte ich, weil mir gerade danach war, dass ich aus dem RC-F doch mal das letzte Quäntchen rauskitzeln sollte. Etwas mehr als sonst.

Während der Lexus dabei kein bißchen aus der Rolle fiel und mir alle Hebel in die Hand gab, um ihm meine extrem spontanen Fahrideen aufzudrücken, entdeckte ich an ihm eine Kontrollierbarkeit bis in den kleinsten Schlenker, die man so selten findet. Er ist kein Monster, das mit schierer, roher Power den Gummi quertreibt. Er ist aber auch kein zartes Pflänzchen, das bei der ersten Herausforderung für das Fahrwerk weiche Knie bekommt.

Nein, der RC-F bleibt stets dezent, kann aber trotzdem auch bis in den dritten Gang die Reifen verqualmen. Klingt nach einem Widerspruch, oder? Darin steckt seine Seele. Er leistet meinen Befehlen unverfälscht Folge, per Pedalerie und Lenkrad kann ich sehr digital über den Wahnsinn der eigenen Fahrweise zu verfügen. Wahnsinn an, Wahnsinn aus. Einfach mit einer Bewegung der Zehenspitzen. Bissel Speed mit in die Kurve, etwas zackig lenken, früh auf’s Gas latschen und er kommt schön quer. Dann entscheidet man einfach wie lang er quer soll und wann er zurück in die Spur darf. Mehr davon, weniger davon. Völlig egal. Einfach wie man will.

Jeder Kreisverkehr wird zu einem potenziellen Pulsschlagbeschleuniger ohne erhöhtes Reue-Risiko.

Um es auf den Punkt zu bringen: Die Einfachheit dahinter macht ihn zu einem Spielzeug, von dem man nicht genug bekommt. Jede Abzweigung der Landstraße, jeder Kreisverkehr wird zu einem potenziellen Pulsschlagbeschleuniger ohne erhöhtes Reue-Risiko. Die Lenkung gibt vorbildlich Feedback über das, was die Vorderachse macht, das Popometer – gebettet übrigens in extrem schicke und großartig konturierte Sportsitze – gibt Auskunft über die drohenden oder wählbaren Richtungsvektoren der Hinterachse und der Motor, der saugt sich heiser bis in den Drehzahlbegrenzer. Danach wünscht man sich nicht mehr viel, außer dass die richtige Straße her muss.

Der digital emulierte Sound im Innenraum ist indes der einzige Knick in der sonst doch glänzenden Rüstung. Warum nur, Lexus? Ich habe den RC-F von außen gehört (musste, wollte ihn hören!) und der Klang braucht sich nicht verstecken. Diese v-förmig zulaufende Endrohr-Batterie im schönsten Coupéheck erzeugt ein Gänsehaut-Hämmern, das ungefiltert in den Innenraum übertragen gehört um dem Fahrer eiskalt den Rücken runter zu laufen! Denn Sound hat er wirklich ohne Ende. Aber was solls. Beim menschlichen und seelischen gehört ja auch der Makel immer mit dazu. Deswegen nehme ich ihn so, wie er ist.

 

 

Fahrzeug: Lexus RC-F Carbon

Lackierung: Satinsilber
Felgen: Leichtmetallräder, geschmiedet, 19-Zoll, versetzte Doppelspeiche
Polster/Leder: Semianil­inleder Galaxys­chwarz, Applika­tionen Carbon

Motor: 5l V8 Ottomotor
Hubraum: 4.969 cm3
Leistung: 351 kW (477 PS)
Drehmoment: 530 Nm
Getriebe: 8-Gang Automatik-Getriebe
Antrieb: Hinterradantrieb
Beschleunigung 0-100 km/h: 4,5s
Höchstgeschwindigkeit Vmax: 270 km/h

Türen/Sitze: 2/4
Verbrauch kombiniert: 10,8 l/100 km
CO2-Emission: 251 g/km
Preis: ab 88.150,- €