Fahrbericht Mercedes-AMG C63s Edition 1

Ich besitze nicht Vieles. Das meiste gehört eigentlich anderen oder der Bank. Die Eigentumswohnung zum Beispiel. Bis vor ein paar Jahren passten meine gesamten Habseligkeiten in knapp 5 Umzugskartons. Mehr nicht. Ein ganzes Leben in fünf Kisten.
Die Frage ist ja: Muss man viel besitzen? Und was genau muss man besitzen? Eine simple Frage muss man sich selbst stellen, um das zu klären:
Würde es brennen. Was würde ich (offensichtlich außer dem eigenen Leben und den Leben der Familienmitglieder) retten wollen? Tagebücher von früher. Vielleicht eine Gitarre, ja. Aber was noch? Die Liste ist recht kurz. Bei einer Sache bin ich mir aber sicher:
Würde ich den Mercedes-AMG C63s haben, würde ich mit ihm (und meiner Familie auf den übrigen Sitzen) aus der brennenden Garage herausgedonnert kommen, den Motor aufheulen lassen und mich mit nach Grip flehenden Reifen von dem Haus entfernen, während dieses Hollywood-esk im Hintergrund grellorange leuchtend kolabiert und alle anderen Besitztümer verschlingt.
Mein Punkt: Ihn muss man besitzen. Es ist keine Wahlmöglichkeit – es ist Fakt. Ich will ihn besitzen. Er soll mein sein. Er soll unser Retter sein, zumindest in meiner konstruiert-perfekten Kopfkinowelt.

Die Kippe danach.

Das waren meine Gedanken nachdem ich das erste Mal die Fahrertür zugezogen, das erste Mal den bitter grollenden V8 gestartet und über alle sieben Gänge seine schiebende Kraft gespürt hatte. Begleitet wurden diese Gedanken von kurzschlussartigen Reaktionen meiner Synapsen, die mich in hysterisches Gelächter ausbrechen ließen. Dieses wiederum mündete in einem zufriedenen Grinsen am Ende. Da ich nicht Raucher bin, hatte ich keine Zigarette griffbereit. Hätte meine Frau eine Packung Marlboro Gold im Handschuhfach liegen lassen, wäre ich zum Raucher geworden. Das ist so sicher wie das Amen in der Kirche. Eigentlich bin ich ja Genussmensch.

Tänzelnder Beschleunigungsvektor.

Die Wirkung, die eine Nikotinstange am Menschen zeigt, ist eigentlich mit der Wirkung des C63s vergleichbar. Wobei – unter uns – es müssten eher schon härtere Drogen sein. Den Schuss kann man sich jedesmal setzen, wenn man im Sport+ Modus elegant-leger das Gaspedal Richtung Bodenblech bewegt. Der 4 Liter Biturbo V8 bebt erst kurz, bellt dann laut und schiebt kätzerisch mit 700Nm Drehmoment die Hinterachse der Vorderachse entgegen. Die zögert ein wenig und schon tanzt das Heck aus der Reihe, möchte damit anfangen den eigenen Vorderbau zu überholen und kann vom Fahrer spielerisch in die gewünschte Laufrichtung gestupst werden. Normalerweise natürlich mit einer kurzen Lenkbewegung wieder in Reih und Glied zurück.

Diese Übung geht so leicht von statten, dass man am liebsten immer an der Gripgrenze reisen möchte. Selbst in einer gewöhnlichen, wenig drastischen Kurve lässt sich der 510PSer-Silberpfeil Richtung Übersteuern schnalzen. Ganz ohne Verreißen des Lenkrads. Man sollte nur darauf achten, dass nicht das ESP komplett aktiviert ist. Denn sonst gibt er den Gutmütigen, der sich schnell als unerwartet untersteuerndes Dickschiff offenbart. Den Sportmodus des ESP muss man nämlich im Gegensatz zu allen anderen Einstellungen nach jedem Motorstart erneut selektieren.

Anarchie der 8 Zylinder.

Der neu konstruierte und aus dem AMG GT bekannte 8-Ender brabbelt zu solchen und anderen Fahrmanöwern unentwegt vor sich hin, dass es jedem Linguisten eine Freude wäre seine Sprache zu interpretieren. Er trägt einen äußerst selten gewordenen Charakter in sich. Auf seinem Zylinderkopf scheint zu stehen „Ich bin hier der Boss!“ Alle anderen Komponenten haben sich ihm unterzuordnen. Demokratie gibt es nicht. Er ist vielleicht der erste anarchische Mercedes. Und diese anarchische Weltanschauung trägt er mit muskelbepacktem, carbonverziehrtem Körper nach außen. Weit aufgerissen das glänzend polierte und aus Fasern gewobene Maul in der Frontschürze. Bitter-böse dreinschauend die mit Giger-Ästhetik gestalteten LED-Leuchtelemente in den Scheinwerfern. Die mattschwarzen und rot gehörnten 19-Zöller sitzen satt in weit ausgestellten Radhäusern. Die Form des Hecks ist fast anachronistisch dazu in Eleganz gehüllt, die jedoch von einer geschwungenen Carbon-Spoilerlippe, vertikalen Rissen an den Flanken und einem von vier Endrohren gerahmten Carbon-Diffusor ausgespuckt und reinterpretiert wird.

Bevor ich mich weiter in Ekstase rede: Ich will ihn haben. Und du musst ihn haben, wenn du die knapp 70.000 Euro für den Einstieg in diese Welt erübrigen kannst. Keine Alternative.

 

Fahrzeug: Mercedes-AMG C63s Edition 1

Lackierung: Designo Iridiumsilber Magno
Felgen: 19″ AMG Schmiederäder Mattschwarz im Kreuzspeichen-Design mit rotem Felgenhorn
Polster/Leder: Leder Nappa AMG schwarz

Motor: 4l V8 Biturbo
Hubraum: 3.982 cm3
Leistung: 375 kW (510 PS)
Drehmoment: 700 Nm
Getriebe: AMG Speedshift MCT 7-Gang Getriebe
Antrieb: Hinterradantrieb
Beschleunigung 0-100 km/h: 4,0s
Höchstgeschwindigkeit Vmax: 290 km/h

Türen/Sitze: 4/5
Verbrauch kombiniert: 8,3 l/100 km
CO2-Emission: 195 g/km

Driver’s Groove Bewertung: 10/10

Preis Testfahrzeug: 124.122,95 €

Bildquelle: Can Struck / Driver’s Groove