Fahrbericht Mitsubishi Lancer Evo X: Mein Evo-Mixtape

Mitsubishi Lancer Evolution X 2013 weiss: Teaser

Hand hoch, wer sich noch an Kasetten erinnern kann. MCs. Die Dinger, die man in der Mitte eines Albums wenden musste um die zweite Hälfte zu hören. Ich hatte irgendwann dann einen Kasettenplayer der die B-Side wiedergeben konnte, indem er rückwärts spielte. Trotzdem gab es diese Momente beim ersten Hören einer Kasette. Da hörte man die erste Seite und dachte sich am Ende vielleicht: „Hmm… haut mich nicht von den Socken.“ Aber man hatte noch die zweite Seite, auf der alles anders kommen konnte. Vorfreude auf die B-Side.

Daran musste ich denken, als ich den Mitsubishi Lancer Evo X zwei Wochen getestet habe.

Meine Erfahrungen mit ihm waren ähnlich wie mit einer solchen Kasette. Höchst analog und die Überraschungen kamen erst auf der B-Side.

A-Side: Ernüchterung
B-Side: Begeisterung

Mitsubishi Lancer Evolution X 2013 weiss: Froschperspektive von vorne, unten. Auf Werksgelände

Kasette einlegen, play drücken: A-Side

Track 1: Intro
Der Evo war für mich schon seit Jahrzehnten nicht aus der „Ich ärgere Sportwagen“-Riege herauszudenken. Ende der 90er habe ich alle Vergleiche zwischen Evo und Subaru Impreza WRX STI regelrecht verschlungen. Es waren bezahlbare Autos die quasi eins zu eins aus dem Rallyesport übernommen wurden. Was für Monster! Direkt, puristisch, mechanisch und total unvernünftig. Alleine die Spoiler sprachen schon ihre eigene Sprache.

Mitsubishi Lancer Evolution X 2013 weiss: Seitenansicht, Profil vor Gebäude

Track 2: First Encounter
Also durfte ich es mir erstmal mit der gehörigen Portion Ehrfurcht und Respekt im Evo gemütlich machen. Von Innen hat er nix anderes zu bieten als die Basislimousine, die ich ebenfalls bereits getestet habe. Alles sauber verarbeitet, aber Designhighlights darf man nicht erwarten. Das einzige, was einen beim Anblick des Innenraums stutzen lässt, sind die kräftig ausgeformten Schalensitze. Das war es dann aber auch schon. Zusätzlich steht auf der Mittelkonsole das Wörtchen TC-SST. Die Version mit Doppelkupplungsgetriebe. Ein kleiner unscheinbarer Button ermöglicht die Auswahl des Untergrundes (Schnee, Schotter, Asphalt) und einer das Umschalten in den Sportmodus.
Nach dem Motorstart passiert herzlich wenig. Kein lautes Geräusch, kein Wow-Effekt. Der Motor bleibt ruhig. Als nächstes folgt die Alltagsprobe. Beim Ausparken bemerke ich erstmal den ziemlich großen Wendekreis und auf den ersten Metern schon, dass in den Klang des Motors wohl nicht vermissen werde. Zu „high-pitched“, zu gleichbleibend summend. Keine Gänsehautklangkulisse.

Mitsubishi Lancer Evolution X 2013 weiss: vor rostigem Rolltor stehend, vorne rechts

Track 3: German Autobahn
Ein wenig beeindruckt die Beschleunigung unten raus dann doch, aber spätestens auf der Autobahn muss man dann doch gezwungenermaßen eine Einsicht haben und verstehen, dass die Reiselimousinen deutlich schneller den Spurt von 160 auf 230 km/h schaffen. Ganz abgesehen davon, dass der Evo bei diesen Geschwindigkeiten einen zusätzlichen Gang vertragen könnte. Auf der Autobahn fühlt sich der Evolution X sichtlich unwohl. Es kneift und zwickt ihn. Da man mit einer Tankfüllung am Ende wohl auch nur eine Reisedistanz irgendwo zwischen 200 und 300km schafft, deutet der Evo seinem Fahrer oft genug an, dass er da runter will.

Mitsubishi Lancer Evolution X 2013 weiss: Aus niedrigem Winkel, Frontschürze und Seitenansicht

Track 4: Cruisin‘ the city
Also in die Stadt. Wenngleich der Evo beim normalen Fahren nicht zu spüren gibt, dass er es ne Ecke sportlicher mag, erinnern einen immer wieder die Daumen-Hoch der Passanten, jung wie alt, dass man gerade einen Evo fährt. Oder wenn keine Passanten in der Nähe sind und man fast wieder denkt man säße im normalen Lancer reicht meist auch ein Blick in den Rückspiegel, der von einem dicken weißen horizontalen Balken namens Heckspoiler verhindert wird. Was ich sagen will: In der Stadt fährt sich der Evo unglaublich unaufgeregt. Kein beißender Motor, keine schwergängige Kupplung (gar keine!), keine schwere Lenkung. Die Sportsitze lassen sich nur längs verstellen, nicht in der Höhe oder auch nur irgendeiner anderen Dimension. Racing Basics. Bei mir (1,72cm) führt dass dazu, dass ich die Ecken der Karosserie nicht mal erahnen kann. Nach hinten gibt’s zum Glück eine Kamera, vorne hingegen nichts. Gepaart mit dem krass geringen Einschlagwinkel der Räder musste ich ein paar vermeintlich passende Parklücken in Kölns engen, alten Parkhäusern aufgeben. Der Evo fährt sich hier also wie die Standardlimousine, bietet aber alle (geliebten) Nachteile von Sportwagen. Hmm. Was nun? War es das? Bin ich so enttäuscht von einer in meinen Augen großen Legende?

Mitsubishi Lancer Evolution X 2013 weiss: Front Motorhaube mit Lufteinlässen und Xenonscheinwerfer

Kasette wenden, play drücken: B-Side

Track 5: Suprise… Gotcha!
Auf dem Weg zurück passiert es dann. Es gibt da ein Stück Straße. Diese Straße schlägt einen 90-Grad Haken in einem fast rechten Winkel. Perfekt abgerundet, am Ende sich etwas zuziehend. Sie ist auch immer ein klein wenig nass, weil auf der einen Seite Bäume stehen und das Laub über dem Asphalt hängt. Eine dieser Kurven, die sich jedesmal mit (je nach Auto)um die 50km/h und leicht quietschenden Reifen durchfahren lässt. Na, dann werfen wir doch mal den Evo rein. Mal sehen was passiert. Bewusst eine kleine Ecke zu schnell. Der Moment kommt, in dem ich davon ausgehe, dass der Evo ein wenig untersteuert und der Kurve nicht 100% folgen will. Aber es kommt anders. In genau diesem Moment wird die Vorderachse lebendig, plötzlich spürt man zwei Räder die den Rest des Autos supporten, sinnbildlich mit Sirenengeheul angefahren kommen und ein Feuer löschen wollen. Der Evo bekommt einen ganz neuen Impuls der Kurve zu folgenden. Die Vorderräder weisen ihn an, der Rest des Autos folgt und schon bin ich völlig überraschend längt aus der Kurve wieder raus, auf Ideallinie. „Wie, das war alles?“ haucht mir der Evo mit einem dicken fetten Grinsen im Gesicht und einem ziemlich weit aufgerissenen Maul ins Ohr. Ich hab da auch so ein Grinsen im Gesicht. Das war wirklich beeindruckend. Und plötzlich stimmt zwischen uns beiden wieder alles. Let’s try it your way.

Mitsubishi Lancer Evolution X 2013 weiss: Nahaufnahme BBS-Felgen und Nebelleuchte

Track 6: I am who I am
Ich muss ihm dann gezwungenermaßen auch Recht geben.
Er sagt mir: Ich bin nicht die Eierlegende Wollmilchsau. Will es auch gar nicht sein. Ich sage: Ich weiss es doch.
Er sagt mir: Ich will mich gar nicht mit den Heizern auf der Autobahn anlegen, das ist nicht mein Ding! Ich sage: Es tut mir leid.
Er sagt mir: Ich bin glücklich wie ich bin, beschränkt auf das Wesentliche Ich sage: Natürlich, es ist gut dass es dich gibt.
Er sagt mir: Auch wenn ich aussehe wie eine Limousine, ich gehöre nicht in die Stadt. Ich sage wieder: Es war nicht meine Absicht…
Er sagt mir: Bringst du mich jetzt dorthin, wo ich hingehöre? Ich sage: Ja.

Mitsubishi Lancer Evolution X 2013 weiss: Ganzes Fahrzeug von vorne rechts

Track 7: Precision. Fun. And Good Night.
Die Landstraße also. Je kurviger desto besser. Wenn man einen Evo sein eigen nennt, sollte man sich am besten auch eine Stammstrecke suchen. Ohne Kurven geht gar nicht. Schon nach den ersten paar hundert Metern merkt man, dass sich der Evo pudelwohl fühlt. der Klang beeindruckt immernoch nicht, dafür aber das kurz übersetzte Getriebe. Es ist auf Beschleunigung unten raus ausgelegt und nicht auf Hochgeschwindigkeit. Aus der Kurve heraus hat man so immer den passenden Gang bereitliegen um schon die nächste Kurve anzuvisieren. Und diese Kurven lassen sich mal locker 20% schneller durchfahren als mit allem anderen, dass ihr so in die Finger bekommen könntet. Der ganze Fahrspaß mit dieser Maschine liegt in eben diesen 20 Prozent. Denn nur dann merkt man, wie immer wieder die Vorderräder wie magisch das Auto hinter sich her ziehen, während es von hinten unverändert drückt. Es scheint bei diesem Ding einfach kein unmöglich zu geben! Völlig neutral und perfekt austarriert packt er jede noch so seltsam geartete Kurve und hat immer trotzdem noch Reserven. Ausschöpfen sollte man diese nicht, ich möchte mir nicht ausmalen, was dann passiert wenn es mal nicht so ganz mit der Kurveneinschätzung geklappt hat.
Und in diesem Umfeld passt alles. Die tiefen Sitze durch die man im Auto verschwindet, das Lenkrad das einen den Evo auf den Millimeter genau platzieren lässt, die heftig zupackenden Bremsen und die bereits erwähnte eng abgestufte Schaltung, die einen zusammen mit dem 300PS Vierzylinder gummibandartig aus der Kurve hinausschnellen lässt. Wie gerne wäre ich auf einer Schotterpiste unterwegs gewesen.

Mitsubishi Lancer Evolution X 2013 weiss: Nahaufnahme rote Brembo Bremse, Bremssattel, BBS-Felgen und Michelin-Reifen

Tipps zum weiterlesen:

Fahrzeug,“Mitsubishi Lancer Evolution X“
Motor,“1.998cm³ 4-Zylinder Benzinmotor“
Antrieb,“Allradantrieb“
Leistung/Drehmoment,“295PS (217kW) / 366Nm“
Beschleunigung 0-100 km/h,“5,6s“
Höchstgeschwindigkeit Vmax,“242 km/h“
Getriebe,“6-Gang, Doppelkupplungsgetriebe(TC-SST)“
Türen/Sitze,“4/5″
Verbrauch kombiniert,“10,4l/100km“
Preis Testfahrzeug,“49.950,00 €“
Serienausstattungen (Auszug),“Recaro Sportsitze, Leder-Alcantara, BILSTEIN-Einrohr-Gasdruckdämpfer, EIBACH-Schraubenfedern, Zweiteilige BREMBO-Bremsanlage vorn, 18 Zoll geschmiedete BBS-Leichtmetall-Felgen, Rockford Fosgate Premium Audi-System, Rückfahrkamera, Smart-Key-System, Regensensor, Bi-Xenon-Scheinwerfer“

Mitsubishi Lancer Evolution X 2013 weiss:Innenaufnahme Cockpit, Armaturenbrett, Fahrerplatz durch Seitenscheibe Mitsubishi Lancer Evolution X 2013 weiss: Dual Clutch SST Doppelkupplungsgetriebe Aufnahme Schaltkulisse Mittelkonsole Mitsubishi Lancer Evolution X 2013 weiss: Nahaufnahme Motorraum Mitsubishi Lancer Evolution X 2013 weiss: Heckscheibe mit Antenne und geöffneter Kofferraum, Kofferraumdeckel und Spoiler Mitsubishi Lancer Evolution X 2013 weiss: Testurteil, Zusammenfassung, Review, Technische Daten

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