Ford Fiesta ST Fahrbericht

Der Pakt und der Ford Fiesta ST.

Wie kommt ein Pakt zustande, den man mit einem Auto und sich selbst schließt? Die erste Bedingung ist, dass das Auto genug Charakter hat. Denn nur dann spricht man überhaupt mit dem Fahrzeug, nimmt es als eigene Persönlichkeit wahr. Zweite Bedingung ist, dass man so sehr Gefallen am Gefährt findet, dass man diesem nichts ausschlagen kann. Zu riskant wäre es „Nein“ zu sagen. Vielleicht würde er sich sonst einfach einen anderen Fahrer suchen.

Der Rest der Angelegenheit ist vollkommen eigennützig: Fühlt sich das Auto gut, habe ich auch meinen Spaß. Klassische Win-Win Situation.

So hat es nur einen Tag gedauert, bis ich mit dem kleinen racingblauen Ford Fiesta ST einen solchen Pakt geschlossen habe. Den ersten Tag sind wir gemeinsam über die Autobahn geschossen. Er konnte zeigen dass er auch mit Geschwindigkeiten jenseits der 180 km/h keine Probleme whatsoever hat und sogar mit ordentlicher Elastizität in diesen Temporegionen glänzt. Mehr konnte er aber leider auch nicht zeigen. Für alles andere ist die gerade Asphaltbahn einfach nicht geeignet. Am Morgen des zweiten Tages kam es dann also so wie es kommen musste.

Runter von der Autobahn mit dem Ford Fiesta ST.

Am Autobahnkreuz Köln-Süd, an dem die A4 und die A555 aufeinandertreffen: Stau. Stop&Go bis zum Horizont und immer noch kein Ende in Sicht. Da habe ich beschlossen – und natürlich mit dem kleinen sportlichen Ford Fiesta ST abgestimmt -, dass die Autobahn nicht mehr verhandelbar ist. Es geht runter. Auf die Landstraße. Die kleine, kurvige, einspurige Sorte. Auf der man mit der Entscheidung ob man überholen sollte oder nicht keinesfalls zu lange warten darf. Die Straße, die auch Kurven mit Radien besitzt, die einen dazu zwingen mal das Bremspedal zu bedienen. Unser Pakt für die nächsten Tage sah es vor, dass wir nie und nimmer, niemals, jemals, wieder auf die Autobahn auffahren.

Mit triftigem Turbozischen haben wir die Autobahn schnell hinter uns gelassen und haben es uns auf der Landstraße bequem gemacht. Auch der störende Verkehr wurde bald lichter, so dass ich die ordentlich sortierten 6 Gänge des Fiesta ST immer wieder auszählen konnte und ihn dabei mit ungestümem Vorwärtsdrang bis zur nächsten Kehre scheuchen konnte.

Er dankt es mit einer sehr aktiven, sich in die Kurve eindrehenden Fahrwerksauslegung, die einen schnell vergessen lässt welche der vier Räder denn nun nochmal für die Vorwärtsdramatik zuständig waren.

Und sollte das für Vorderradantrieb typische Untersteuern dann doch mal beim Fiesta ST ankommen, dann lässt es sich mit leichtem Gasfuß-Spiel wieder kaschieren. Ford geht hierbei einen ähnlichen Weg wie Fiat bei unserem Abarth: Per Bremseingriff wird ein Sperrdifferential simuliert. Auch wenn es rein physikalisch das Auto langsamer macht: Auffallen tut es nicht und wie sich der Fiesta ST dadurch in den Kurven anfühlt ist einfach unbeschreiblich. Lebendig. Einfühlsam. Gierig.

Wo wir schon beim Vergleich zum Abarth sind: Im Gegensatz zum Abarth erkauft sich der Fiesta ST dieses Fahrverhalten nicht durch ein schlichtweg bretthartes Fahrwerk, das einem die Bandscheiben einzeln zwischen den Wirbeln herauszwickt. Ja, mit dem Abarth geht’s im Kreisverkehr noch eine Ecke schneller. Dafür aber wehe wenn der erste Gullideckel kommt. Das Ding hat weder Federn noch Dämpfer. Ein wenig Sitzpolsterung hat er, ja, aber die reicht höchstens für Kieselsteinchen. Alle anderen Erschütterungen werden bis ins Kopfhaar weitergereicht. Der Fiesta ST ist da dann mehr der Feinmotoriker.

Fast schon ein wenig Deutsch kommt er mit seiner Art daher, analysiert die ihm bevorstehende Fahrbelagssituation, nickt kurz und durchfährt den Parcours dann mit Bravour. Ein kühles „eh, ist doch nix dabei“ entweicht ihm hinterher noch.

Und man selbst hat als Fahrer dann noch gar nicht gecheckt wie flink man gerade von A nach B gekommen ist. Der eigene Schatten steht noch am Startpunkt.

Was dem Ford Fiesta ST fehlt: Drama.

Doch auch wenn er der präzise Kurvenräuber ist, der jede Kurve zu einer Geraden macht. Etwas fehlt mir am Ende. Das Drama fehlt mir. Der aggressive Klang, das sportliche Äußere (Der Kühlergrill ist allerdings Klasse!). Dieser „wow, das ist ein Sportler“-Effekt. Zu ähnlich ist er den harmloseren Serienmodellen. Und dass die Tastenanordnung auf der Mittelkonsole keiner für mich greifbaren Logik folgt macht seine Sache auch nicht leichter. Zu wirr verstreut sind die Tasten zur Bedienung von Funktionen, die eigentlich beieinander liegen müssten.

Auf der Plusseite finden sich hingegen solche Dinge wie die Türen und die Heckklappe, die für diese Fahrzeugklasse sagenhaft geschmeidig und satt schließen. Mit einem dumpfen, teuer klingenden „Plomp!“. Oder ganz grundsätzlich die Anmutung der verarbeiteten Materialien. Während man in unserem Abarth (ich vergleiche, da wir hier von fast dem gleichen Kaufpreis sprechen: Knapp 23-24.000 Euro) an den Türverkleidungen den Parmesan für das Abendessen reiben kann, schmeichelt der Fiesta hier den Fingerkuppen.

Auf der Autobahn fährt man mit beiden nicht, außer ab und an um durchschnittlichen Mittelklasselimousinen einen kleinen Schreck einzujagen. Nein, der Fiesta ST gehört auf die Landstraße oder in die Stadt um Spurpingpong zu spielen. Unseren Pakt sollte also wirklich jeder mit seinem Fiesta ST schließen. Zu schade wäre es sonst um die Qualitäten des Motors, des Getriebes und vor allem des Fahrwerks, wenn sie nicht zur Geltung kommen und der kleine Sportler als Kilometerfresser verendet. Und das könnte beim durchaus realistischen und vorbildlich niedrigen Durchschnittsverbrauch von 5,9 Litern schnell passieren.

mein-auto-blog schreibt über den Ford Fiesta ST „Seinem 1,6-Liter großer Turbomotor wurde ein Overboost spendiert. Dieser steigert die Leistung per Vollgas-Kick auf das Gaspedal,  kurzfristig auf satte 200 PS und einem Drehmoment von 290 Nm.“

autokarma schreibtDass es im Kölner Umland Berge gibt, deren enge Serpentinen das Navigationssystem mit Richtungsanweisungen kommentiert, war mir neu. Dem Ford Fiesta ST offenkundig nicht.“

Für autophorie ist der Fiesta ST ganz einfachThe best of them all!“

Und das radical-mag erklärt das Rezept zum Fiesta ST und dass „das Ergebnis dadurch von der Hausmannskost zum überraschenden Sinneserlebnis gemacht [wird].“

 

Fahrzeug: Ford Fiesta ST

Lackierung: Performance-Blau Metallic
Felgen: Leichtmetallräder 7,5J x 17
Polster/Leder: Leder-Stoff-Polsterung in Anthrazit / Grau

Motor: 4-Zylinder EcoBoost
Hubraum: 1596 cm3
Leistung: 134 kW (182 PS)
Drehmoment: 240 Nm

Getriebe: manuelles 6-Gang Getriebe
Antrieb: Frontantrieb
Beschleunigung 0-100 km/h: 6,9 s
Höchstgeschwindigkeit Vmax: 220 km/h

Türen/Sitze: 2/5
Verbrauch kombiniert: 5,9 l/100 km
CO2-Emission: 138 g/km

Driver’s Groove Bewertung: 08/10

Preis: 23.330,00 €

Bildquelle: Can Struck / Driver’s Groove

6 Antworten auf „Ford Fiesta ST Fahrbericht“

  1. Interessanter Beitrag sehr Schön geschrieben, mit meinen Wagen (kein Ford) kann ich schon lange keinen Pakt Schleißen ist ständig im Werkstatt ;-(

  2. Wie immer toll geschrieben. Was fehlt: Ein paar kurze vergleichende Worte zum Vorjahres-Highlight Suzuki Swift. Würdest du bitte? 😉 (Dürfte doch auch etwa gleiche Preisklasse und Zielgruppe sein.)

    1. @Heiko:

      Hi Heiko, ich hatte ja irgendwie gehofft dass keiner diese Frage stellen würde. Denn die Antwort ist nicht leicht. 😉
      Dass ich den Swift Sport gefahren bin ist ja schon eine ganze Weile her. Die ganzen kleinen Flitzer sind auch preislich und was den Fun angeht recht nah beieinander.
      Um zu entscheiden welchen von beiden ich nehmen würde müsste ich jetzt nochmal den Swift Sport fahren. Soweit ich das in Erinnerung habe hatte ich aber mit dem kleinen Suzuki nochmal ne ganze Ecke mehr Spaß.
      Das Fahrwerk des Swift Sport ist sehr ehrlich, die Abstufung des Getriebes ist deutlich enger und es ist halt ein 1,6 Liter Sauger ohne Zwangsbeatmung, bei dem man sich den „Drive“ über hohe Drehzahlen holt. Was mich beim Swift Sport sehr gereizt hatte, war dass zwei Autos in ihm stecken. Das wilde Auto lässt sich nur blicken wenn man konsequent die Drehzahl hoch hält.

      Der Innenraum ist deutlich spartanischer als beim Fiesta, jedoch gefällt mir das cleane und aufgeräumte Innenraumdesign des Swift besser. Aber auf jeden Fall keine leichte Entscheidung.
      Bist du einen von beiden (oder gar beide) schonmal gefahren?

      Grüße
      Can

      1. Danke für dein ausführlichen Kommentar. Bin leider noch nicht in den Genuss gekommen, einer der beiden Flitzer zu fahren. Ich würde jedoch vermuten, dass gerade die fehlende Zwangsbeatmung des Swift für mich ein Dämpfer wäre. Zumindest erging es mir so beim GT86 (obwohl es dennoch ein wirklich tolles Auto ist).

        Beim Innenraum stimme ich aber zu. Das Ford-Design (wenn man es den so nennen) finde ich wirklich zu wüst. Auch wenn die beispielsweise die einzelne, von dir gelobte, „Home“-Taste eine gute Idee ist.

        1. Hi Heiko,

          lustig, bei mir ist es genau andersrum. Ich stehe mehr auf die Sauger wie eh und je. Allerdings sollte man natürlich dann auch entsprechend Leistung unter der Haube haben. Versteht sich von selbst. Mit den kleinen Motoren und großen Turbos ist es ja so eine Sache. Wenn ich Gas gebe und in einem A 45 AMG genausoviel verbrauche wie in einem ordentlichen V8, dann gibt das zu denken.

          Ja, beim Innenraum stehe ich tatsächlich auch mehr auf das schlichte, elegante. Und das bietet der Swift tatsächlich. Finde sogar dass er das schönste Cockpit in der gesamten Fahrzeugklasse hat. Höchstens dann noch der Audi A1, der ist auch echt hübsch innen. Allerdings auch nur wenn man richtig Geld in die Hand nimmt.

          Grüße
          Can

  3. Hallo,

    vielen Dank für den tollen Artikel. Da ich aktuell ein Kleinwagen suche, der geschmeidig und schnittig über die Landstraßen sausen kann, hast du mir mit dem Ford Fiesta ST eine neue Möglichkeit aufgezeigt. An dieses Auto hatte ich bisher gar nicht gedacht. Dein Bericht zu diesem Auto klingt ja fast durchweg positiv. Ich werde den ST aufjedenfall die nächsten Tage mal Probe fahren.

    Viele Grüße Julia

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