Führerschein mit 26 – besser spät als nie. (1)

von Leonie Schreiber

Leonie Schreiber bloggt auf sherlywatson.com über die Dinge, die sie bewegen. Mit 26 Jahren macht sie jetzt später als üblich ihren Autoführerschein und wird bei mir darüber schreiben.

Ansichten eines Stadtkindes.

Große verdutzte Augen schauen mich an. Verwirrung durchdringt den Raum. Und dann kommt sie, DIE Frage. Jene Frage, die mich wie immer zu Rechtfertigungen zwingt, „Wie echt jetzt, du hast noch keinen Führerschein, aber du bist doch schon 26?“. Richtig, ich bin 26 Jahre alt und besitze (noch) keinen Autoführerschein. Meistens antworte ich ausweichend, dass ich in Köln aufgewachsen sei und dass man hier keinen brauche. Die öffentlichen Verkehrsmittel bringen mich doch überall hin und überhaupt verlange das Leben in der Großstadt keine Fahrerlaubnis. In der Regel schenken die Anklagenden mir im Nachhinein ihr vollstes Verständnis – aber zugegeben, die ganze Wahrheit kennen sie nicht.

Als ich nach 13 Schuljahren nun endlich mein Abiturzeugnis in der Hand hielt, machte meine Mutter mir ein unwiderstehliches Angebot, „Leonie, entweder ich bezahle dir deinen Führerschein oder deinen Urlaub.“ Da meine Vernunft zu diesem Datum noch nicht geschlüpft war, entschied ich mich für den Urlaub.

Der Entschluss steht fest.

Acht Jahre und unzählige Rechtfertigungen später, ist der Zeitpunkt gekommen. Die Vernunft macht bereits die ersten Flugversuche und ich habe mich in der Fahrschule angemeldet. Ich erwarte von keinem Skeptiker Applaus oder La-Ola-Wellen, aber vielleicht doch ein anerkennendes Schulterklopfen. Denn die Angst pocht seither in meinem Fußgänger-Herzen. Meine Gedanken ließen mich monatelang in der Warteschleife verharren und hielten mich von einer Anmeldung ab, „Oh ne, da sitze ich dann mit den ganzen 17 Jährigen, wie soll das nur werden, kriege ich das überhaupt hin?“

Im Jahr 2015 bezahlt man mit allen Führerschein-Notwendigkeiten, inklusive Kosten für den Führerschein-Antrag, TÜV Prüfungsgebühren, Erste-Hilfe-Kurs, Sehtest und Fotos, Theorie und Praxis 1800 Euro, vorausgesetzt man zählt zum Durchschnitt. Diese Summe ist ja auch kein Pappenstiel! Der Führerschein-Erstantrag sollte beim Amt circa vier bis sechs Wochen vor der geplanten Theorieprüfung gestellt werden, denn ohne die fertige Bearbeitung lässt der TÜV Fahrschüler keine Prüfung ablegen.

Der Theorieunterricht umfasst 12 Doppelstunden Grundstoff und 2 Doppelstunden Zusatzstoff. Natürlich kann der ganze Unterricht nicht alle prüfungsrelevanten Themen im Detail abdecken, aber dazu gibt’s ja heutzutage eine App, mit der man sich zur perfekten Vorbereitung klicken kann. Ich benutze die kostenpflichtige App 360° online, die wohl derzeit weit verbreitet ist. Meine Freundinnen, die ihren Führerschein während des Abiturs gemacht haben, schwärmen nostalgisch von den alten Fahrschulbögen, die man noch mit Stift angekreuzt hat. Das sei ja viel besser. Dieser Behauptung kann nur digitaler Neid zugrunde liegen.

Heutzutage: Digital Natives.

Den Unterschied zwischen meinem Jahrgang und der Generation, die jetzt Abi macht, schallt mir in diversen Theoriestunden entgegen. Der Fahrschullehrer fragte neulich, „Und, was mache ich, wenn ich nicht weiß, wie die Motorhaube aufgeht?“ Mein Finger schoss in die Luft und ich antwortete selbstbewusst, „Na, dann öffne ich das Handschuhfach, nehme das Handbuch heraus und schlage nach.“ Der junge Kollege, Jahrgang 1997/98 (hihi), neben mir erwiderte daraufhin „Ja, also ne, ich würde das ja googeln.“ Okay, diese Vorgehensweise ist natürlich auch legitim.

Die erste Lektion, die ich im Theorieunterricht gelernt habe, heißt: Diskussionen sind fehl am Platz. Ein Verkehrszeichen ist ein Verkehrszeichen und lässt keinerlei Deutungsspielraum zu. Den Sinn habe ich verstanden. Die Fahrschule macht mir dennoch Spaß, trotz aller Befürchtungen. Nun habe ich den Theorieunterricht fast hinter mich gebracht, nette Menschen getroffen und so einiges dazu gelernt. Egal welches Alter, irgendwie haben wir doch alle etwas gemein: Den Wunsch nach mobiler Freiheit.

„Führerschein mit 26“ Serie von Leonie:

Teil 1: Besser spät als nie.
Teil 2: Vorbereitung auf die erste Praxisstunde!
Teil 3: Die erste Fahrstunde.
Teil 4: Drum prüfe wer sich ewig bindet.
Teil 5: Per Überholspur über die Autobahn.
Teil 6: Praktische Prüfung.

Bildquelle: Leonie Schreiber

11 Antworten auf „Führerschein mit 26 – besser spät als nie. (1)“

  1. Na dann viel Erfolg weiterhin für Leonie. 🙂
    Ich habe meinen Führerschein auch erst mit 26 gemacht. Mit 18 hätte ich zwar das Geld gehabt (in dem Fall in den Sommerferien selbst verdient), habe es aber ebenfalls lieber für einen Urlaub ausgegeben (und nie bereut – San Francisco!).
    Dazwischen lagen sechs Jahre Bundeswehr, wo man irgendwie auch nie so richtig ein Auto brauchte…

    Mittlerweile möchte ich das Auto aber nicht mehr missen, später Führerschein muß der Fahrbegeisterung also mit Sicherheit nicht schaden. 🙂

    1. Hi Robert,
      Urlaub in San Francisco und dann mit einem Mustang als Leihwagen über die Golden Gate Bridge? Ach Moment.. nein, du musstest ja laufen weil du keinen Führerschein hast 😀 😀 😀
      Na ich verstehe euch beide ja auch irgendwie… NICHT. Bei mir stand seit dem 8. Lebensjahr (oder früher?) der Führerschein fix auf dem Plan. Am Tag meines 18. Geburtstags hab ich ihn in Empfang genommen (yes, perfekt getimed und mit 17 1/2 angefangen) und bin noch am selben Tag mit dem E39 520i meines Vaters eine Bergstrecke an der Donau gefahren. Am Tag darauf war ich dann mit nem Tofas-Leihwagen in Istanbul unterwegs. Hach… good times…
      Ich sehe schon… ich muss auch mal nen Artikel dazu schreiben 🙂

      LG
      Can

      1. Hi Can,

        ich muß echt gestehen, vor dem Führerschein konnte ich mir auch kaum vorstellen, mich einmal für Autos begeistern zu können, und sogar Autoblogs zu lesen. 😉
        Lag vielleicht u.a. daran, dass wir in der Familie nie so etwas feines wie einen 520i hatten – ein alter, rostiger Ford Escort ist vielleicht nicht das richtige Mittel, automobile Begeisterung zu wecken.
        Und so waren andere Sachen einfach irgendwie immer wichtiger – Anlass für den Führerschein war letztendlich auch nur
        a) viel Geld übrig (danke Marine!)
        b) viel Zeit zwischen altem und neuem Beruf.

        Dafür muß mittlerweile schon viel vorfallen, um mich in öffentliche Verkehrsmittel zu kriegen. 😀

        LG,

        Robert

  2. Toller Artikel bei dem man ganz klar sehen kann wie unter schiedlich die leute doch sind. Heute habe ich von meiner tour mit der BMW R Nine T berichtet und von dem tollen feeling erzählt. Ein tolles motorrad für stolze 15000€. Oh lachten alle so viel hab ich für meinen saab bezahl sagte Ingma. Wozu brauche ich denn auch mehr, sagte der vertriebene aus Rostock. Ich versteh es nicht! Ich freue mich für Leonie, und hoffe die packt auch gleich den Motorradführerschein oben drauf. Viel Erfolg.

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