Führerschein mit 26 – Praktische Prüfung (6)

VON LEONIE SCHREIBER

Leonie Schreiber bloggt auf sherlywatson.com über die Dinge, die sie bewegen. Mit 26 Jahren macht sie jetzt später als üblich ihren Autoführerschein und wird bei mir darüber schreiben.

Sie haben Ihr Ziel erreicht.

Noch nie hat mir ein kleines Stück Plastik so viele Bauchschmerzen verursacht. Die Rede ist nicht von einem unverdaulichen Drei-Gänge-Polymer-Menü. Mein Führerschein ist gemeint, der zur Zeit der Magenrebellion noch im Aktentäschchen des praktischen TÜV-Prüfers schlummert und wartet in mein Portemonnaie zu wandern.

Der Kalender an jenem Morgen zeigt den Tag meiner praktischen Prüfung an. Um die Mittagszeit soll ich dem Prüfer zeigen, was ich in zahlreichen Übungsstunden gelernt habe. Mit weichen Knien steige ich bereits eine Stunde vor dem entscheidenden Ereignis in das Fahrschulauto ein. Mein Fahrlehrer zeigt sich entspannt und ich starte den Motor. Das hoffentlich letzte Mal starten wir in eine Übungsfahrstunde und fahren zum finalen Schluss mögliche relevante fiese Stellen ab. Den Tipp meines Fahrlehrers, meine Diskussionsfreude nicht am Prüfer auszulassen, notiere ich mir hinter den Ohren.

Zu diesem Zeitpunkt fühle ich mich wieder besser, sodass wir den Prüfer abholen können. Dies geschieht auf einem großen Tankstellenparkplatz. Der Prüfer erscheint mit einem breiten Grinsen, denn sein Lieblingsfußballverein hat zwei Tage zuvor glorreich gewonnen. Nach einer höflichen und souveränen Begrüßung meinerseits, setzt er sich neben meinen farbenfrohen Jutebeutel auf die Rückbank.

Der Prüfer bittet mich zunächst um meinen Personalausweis und ich bitte ihn mir das poppige Jutebeutelchen inklusive meines Portemonnaies zu reichen. Aus irgendeinem Grund bewundert er den mageren Inhalt des Täschchens. Darauf kann ich ihm nur erwidern, dass ich ja bodenständig geblieben sei. Der TÜV-Prüfer lacht und ich freue mich, einen Sympathiepunkt erworben zu haben.

Der Ernst beginnt.

Ich bekomme die ersten Anweisungen, wohin ich fahren soll. Mein Fahrlehrer spricht daraufhin das favorisierte Thema des Prüfers an: Fußball. Während die beiden in sportliche und ein wenig spannende Gespräche verwickelt sind, leiste ich den Anweisungen folge und fahre direkt auf die Autobahn. Gut, dass mein Puls keinen Tacho besitzt. Beschleunigen, auffahren, überholen und abfahren. Die wichtigsten Punkte sind absolviert.

Zurück in der Stadt fahren wir drei ungleichen Persönlichkeiten in eine 30er Zone, in der ich noch nie in meinem Leben gewesen bin. Die Straßen sind eng und gemein. Parkende Autos versperren mir den Weg und die Sicht auf Seitenstraßen. Neben einem kleinen Fehler, der meiner Meinung nach, absolut nicht nennenswert ist, wenden wir und verlassen nach erfolgreichen Halten an einem Stoppschild das Wirrwarr des Wohngebiets.

Nach einer kleinen Verschnaufpause höre ich sie schon, alarmierende Blaulichtsirenen. Wenn einer bei der Vergabe des Glücks, an der längsten Schlange gestanden hat, dann bin ich es. Ein anrasender Krankenwagen gehört nun mal nicht zu den Standardsituationen in den Übungsfahrten.  Wie es sich gehört, fahre ich rechts ran und lasse den Krankenwagen vorbeidüsen.

Nach intensiver Beobachtung des Verkehrs reite ich wieder los und hoffe, dass die 45 Minuten Prüfungszeit bald vorbei sind. Meine letzte Prüfungsleistung ist rückwärts einparken. Nachdem mein Fahrlehrer mich in den Stunden zuvor ermahnt hat, daraus keine Wissenschaft zu machen, bringe ich den Wagen problemlos in die 8 Meter Lücke.

Ich kutschiere den Prüfer zurück auf den Parkplatz. Mit der Aufforderung „Sie können den Wagen jetzt ausmachen“, kommen die Bauchschmerzen zurück. Diese intensivieren sich mit jedem begangenen Fehler, den der Prüfer aufzählt. Nach einer mir endlos scheinenden Liste an praktischen Mängeln, erlöst mich der Mann auf der Rückbank mit belehrenden Worten, „Das war eine Vier minus, hier ist Ihr Führerschein.“ Aus Höflichkeit verabschiede ich mich, „Auf Wiedersehen und haben Sie vielen Dank für Ihre Zeit.“ Er lacht.

Auf der Rückfahrt ermuntert mich mein Fahrlehrer, dass ich gar nicht so schlecht gefahren bin, wie es aus den abschließenden Worten des Prüfers zu entnehmen ist. Doch nach der Prüfung ist vor der Prüfung – meine Eltern streiten bereits, wer als Erster mit mir fahren muss. Es geht hier schließlich um ihr Auto. Es bleibt demnach weiter spannend.

„Führerschein mit 26“ Serie von Leonie:

Teil 1: Besser spät als nie.
Teil 2: Vorbereitung auf die erste Praxisstunde!
Teil 3: Die erste Fahrstunde.
Teil 4: Drum prüfe wer sich ewig bindet.
Teil 5: Per Überholspur über die Autobahn.
Teil 6: Praktische Prüfung.