Gastbeitrag: Zukunft der Mobilität. Im Stau 02

GASTBEITRAG VON PROF. DR. ERNST STRUCK
Ernst Struck ist Inhaber des Lehrstuhls für Antropogeographie der Universität Passau und beschäftigt sich unter anderem mit Stadt- und Bevölkerungsgeographie. Hier spielen auch die Mobilität der Menschen und die Lösung der zukünftigen Mobilitätsprobleme, die aufgrund des Bevölkerungswachstums entstehen, eine immer größere Rolle.

 

Autofahren soll Freude bereiten, Spaß machen und ein mobiles Lebensgefühl ausdrücken. Deutschland ist oder war hierfür ein Vorbild. Hier werden großartige Fahrzeuge entwickelt, mit denen man innovationsbewusst an der Weltspitze sein will.  Auch jetzt, mit Energiewende und europäischem Umweltbewusstsein gepaart, wird die Elektromobilität vorangetrieben. Die großen deutschen Marken wollen auch in diesem Feld ihre technologische  Führung zeigen. Ganz auf Individualität ausgerichtet spielt das Design eine große Rolle, ob elektrisch oder konventionell  angetrieben sollen die mobilen Gefäße den Lebensraum ästhetisch bereichern, ihn gestalten.

Das mobiles Lebensgefühl  mit Spaß am Fahren, dem Beschleunigen, Bremsen und Lenken – das die Menschen,  seit der Kunst, eine Pferdekutsche zu dirigieren, fasziniert – wird aber zunehmend als  psychische Belastung verstanden. In einer mit Autos dicht besetzten Umwelt – geprägt vom Stau – besteht kaum noch die Gelegenheit, individuelles Fahren zu gestalten. Mobilität wird zum genormten Prozess, der immer gleichförmiger abläuft.  Fahrassistenzsysteme nehmen diese gleichbleibenden, präzisen Abläufe dem gelangweilten Fahrer ab – in absehbarer Zeit wird in Metropolregionen das Fahren über die Stadtautobahnen automatisiert sein. Optimale  Abstände zwischen den Fahrzeugen und verzögerungsfreier Verkehrsfluss werden diese  Straßen zum „Transportband“  machen. An Zugangspunkten wird es erneut zum Stau kommen, jedoch wird man dann sicherlich, beim Erreichen der maximalen Transportmenge,  per Internet vorher einen Platz auf dem „Autobahntransportband“ buchen – automatisch wird dann das eigene Auto präzise eingereiht.  Nur eine vorher geplante,  kommunizierte und organisierte Fahrtroute wird ein solches System ermöglichen. Die maximalen Belastungen  werden in den chinesischen Megacities zuerst erreicht sein. China baut gerade ein eigenes Positionierungssystem Beidou auf und entwickelt dazu verkehrsbezogen Spezialanwendungen. Man spricht davon, dass schon bald die Autofahrer in den chinesischen Megastädten nur noch zehn Minuten von einer Stunde Fahrzeit mit dem Autofahren beschäftigt sein werden.

In den Autos wird man in dieser „Freizeit“ arbeiten oder entspannen, wozu es  im Auto aller Einrichtungen eines Büros oder Wohnzimmers bedarf. Alle Fahrzeuge müssen dann, um derartige Massentransporte zu ermöglichen, grundsätzlich  technologisch  auf dem gleichen  Stand sein – nur das Design wird sie unterscheiden und selbstverständlich die mehr oder weniger arbeits- und/oder freizeitnützliche Innenausstattung. Wird damit der Stau besiegt sein und das Autofahren weiterhin Spaß bereiten?

Den ersten Gastartikel von Prof. Dr. Ernst Struck zum Thema Stau könnt ihr hier lesen.

 

Wikipedia Prof. Dr. Ernst Struck
Webseite Philiosophische Fakultät der Universität Passau

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