Gastbeitrag: Zukunft der Mobilität. Im Stau 01

Zukunft der Mobilität - Im Stau 1 - Prof. Dr. Ernst Struck; Istanbul, Brücke

GASTBEITRAG VON PROF. DR. ERNST STRUCK
Ernst Struck ist Inhaber des Lehrstuhls für Antropogeographie der Universität Passau und beschäftigt sich unter anderem mit Stadt- und Bevölkerungsgeographie. Hier spielen auch die Mobilität der Menschen und die Lösung der zukünftigen Mobilitätsprobleme, die aufgrund des Bevölkerungswachstums entstehen, einen immer größere Rolle.

Im Stau zu stehen, sich im Stau bewegen und mit dem Stau zu leben ist in vielen wachsenden und pulsierenden Stadtregionen der Erde eine tiefgehende Erfahrung des mobilen Menschen. Gerade in den Boomtowns und den Global Cities, in deren Gestalt sich Erfolg, Reichtum und Macht in einer besonderen Ästhetik zeigen spielt das Auto eine entscheidende Rolle. Mit ihm wird Image, Status und vor allem Individualität ausgedrückt.

Gerade hier wollen erfolgreiche Menschen auf diese Ausdrucksform ihrer Persönlichkeit nicht verzichten. Sie pendeln zwischen ihren repräsentativen Wohnvierteln, wie den Gated Communities im urbanen Randbereich, und den Arbeitsplätzen in den Geschäften und Bürotürmen der City; sie bewegen sich zwischen den Shopping und Entertainment Malls und den Clubs und Erholungsinseln in der Stadt.

In vielen derartigen Megastädten machen selbst Navigationsgeräte mit Staumelder und Umleitungstechniken kaum Sinn, sind doch alle Zufahrten gleichermaßen überfüllt. Will man in der schnell wachsenden Global City Istanbul von den bevorzugten neuen Wohnregionen auf der anatolischen Seite im Osten in eine der alten oder der neuen Cities im Westen fahren, dann ist der Bosporus über eine der zwei Brücken oder mit einer Fähre zu überwinden (insgesamt ca. 570.000 Fahrzeuge pro Tag). In den langen Hauptverkehrszeiten verlängert sich die Fahrzeit hier bis um den Faktor 9. Selbst wenn man im inneren Stadtgebiet wohnt kann dann die Anfahrt zu einem Fischrestaurant oder einem Teegarten am Ufer des Bosporus zwei bis drei Stunden dauern. Am Wochenende die Stadt zum Besuch von Verwandten und Freunden im eigenen Auto zu queren, bedarf reichlich Zeit und viel Geduld.

Diese extrem verlängerten Transferzeiten werden aber nicht immer als ein Verlust an Zeit empfunden. Im Auto ist man geschützt vor den Unannehmlichkeiten des öffentlichen Nahverkehrs, den geräuschvollen Menschenmassen, die dichtgedrängt die U-Bahnen, Trams, Fähren und Metrobusse füllen. Das eigene Auto bietet eine schöne, repräsentative Hülle – wie ein Kleid oder ein Anzug von Dior, Vakko, Armani oder Beymen. Der private Raum wird erweitert, es stehen dieselben Annehmlichkeiten wie in der wohlausgestatteten Wohnung zur Verfügung. Die Atemluft wird wie zuhause durch eine Klimaanlage aufbereitet und der Sitzkomfort ist bequem. Wenn die Geräuschdämpfung des Wagens gelungen ist kann man über eine hochwertige Musikanlage Mozarts Oper „Die Entführung aus dem Serail“ genießen – oder die Songs von Adele oder die türkischen Balladen von Sezen Aksu. Gäbe es nun ein automatisches Staumobilitätssystem, das ohne Zutun des Fahrers das Auto im Stau bewegen würde, dann könnte man sich mit geschlossenen Augen zurücklehnen und der Musik lauschen. Man hätte dann mit Verflüssigung des Verkehrs – freundlich aufgefordert durch die Sprachassistenz des Staumobilitätssystems – die Steuerung wieder zu übernehmen und könnte entspannt den Arbeitsplatz oder die Wohnung erreichen: „Zukunftsmusik“ in Istanbul genauso wie in Moskau, Peking oder Rio.

Selbst im Stau bedeutet hier das Auto Lifestyle. Und in der Zukunft? Ein Luxus für immer weniger Menschen – ein Auslaufmodell?

Wikipedia Prof. Dr. Ernst Struck
Webseite Philiosophische Fakultät der Universität Passau

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