imho: Deutschland braucht ein „Carfax“

Was ist Carfax?

Es gibt manche Gebiete, auf denen die USA deutlich weiter sind als wir in Deutschland. Eines dieser Gebiete ist der Gebrauchtwagenverkauf bzw. -ankauf. Der Unterschied zu Deutschland ist, dass in den USA zu jedem Fahrzeug eine Art Lebenslauf öffentlich zugänglich hinterlegt wird. Wie das funktioniert und welche Vorteile das bringt will ich euch zeigen.

Zu diesem Zweck habe ich mal nach einem Ford Mustang Cabrio gesucht und die günstigsten Angebote im Raum Chicago gesichtet. Bei einem Mustang, der ganz oben in der Liste auftaucht und gerade mal knapp 17.000 USD kosten soll, bin ich skeptisch geworden. Denn sowohl diese Felgen, als auch die HID-Scheinwerfer sind in dieser Preisklasse sehr selten. Hier ein Screenshot des Angebots:

Cars.com Screenshot 1

[Screenshot von cars.com, am 30.01.2013]

Wichtig ist zu wissen, dass ich die Resultate auf Ergebnisse mit kostenloser Carfax-Auskunft beschränkt habe. Im Normalfall kostet die Carfax-Anfrage Geld. Möchte man ernsthaft ein Auto kaufen und sichergehen, dass es in gutem Zustand ist, ist das meines Erachtens jedoch gut investiertes Geld.

Carfax und die VIN.

Mit einem Klick auf „View Free Report“ wird man auf die Carfax-Webseite weitergeleitet. In dieser ist – eindeutig per VIN (Vehicle Identification Number) identifiziert – jedes Fahrzeug in den USA erfasst.

TIPP: Übrigens lässt sich anhand dieser VIN auch der Window-Sticker des Neufahrzeugs rekonstruieren und somit auch überprüfen, welche Farbe das Auto bei Auslieferung hatte, wie der Verkaufspreis war oder etwa welche Sonderausstattungen bestellt wurden. Die URL dazu lautet bei Ford beispielsweise http://services.forddirect.fordvehicles.com/inventory/WindowSticker.pdf?vin=1ZVBP8EM2B5101607

Hierbei muss die Zahlenkombination am Ende mit der gewünschten VIN ersetzt werden. Hier ein Bild von dem Window-Sticker, der mit der obigen URL für unseren Ford Mustang generiert wird:

USA Ford Window Sticker

[Screenshot von Ford Vehicles Service, am 31.01.2013]

Die Informationen von Carfax.

Aber zurück zu Carfax. Wir sehen nun die in diesem Fall kostenlose Zusammenfassung der „Erlebnisse“ unseres Ford Mustang. Bei vielen Mustang sieht man hier sofort, dass es Leihfahrzeuge waren (Rental Use). Ein Ausrufezeichen ist meist kein gutes Zeichen. Bei diesem Mustang wird angezeigt, dass er einen Unfall hatte und dass der Airbag ausgelöst wurde. Bei Carfax wird nicht nur hinterlegt wann, wo und von wem ein Auto gekauft oder verkauft wurde, sondern auch wann eine Wartung durchgeführt wurde und sogar was alles getauscht wurde. Auf einen Blick weiß man sofort ob das Fahrzeug, das man erstehen möchte, nur ein Blender ist oder wirklich ein gutes Angebot darstellt. Ein digitales Scheckheft also. Sogar die Fahrleistung wird hinterlegt und der in Deutschland beliebten Manipulation des Kilometerzählers ein Riegel vorgeschoben.

Carfax.com USA Screenshot 30.01.2013

[Screenshot von carfax.com, am 30.01.2013]

Wechselt man zur detaillierten Auflistung aller Geschehnisse erfährt man wirklich Interessantes:

04/20/2012, Ohio, Damage Report: Accident Reported, Involving left front impact, Involving frontal impact, Involving right front impact, Vehicle ran off road, It hit a ditch, Disabling damage reported, Vehicle towed, Front & Side Airbag deployed

Frei übersetzt: Am 20. April vergangenen Jahres hatte das Auto einen Unfall mit Beschädigungen vorne-links, vorne und vorne-rechts. Der Airbag und der Seitenairbag wurden ausgelöst. Das Auto kam von der Straße ab und fuhr in den Graben. Anschließend musste es abgeschleppt werden. Siehe Screenshot:

Carfax.com USA Screenshot 2 30.01.2013

[Screenshot 2 von carfax.com, am 30.01.2013]

Am 14. September wurde ein Service ausgeführt – also 5 Monate später – und am 11. Dezember wurde es bei einer Auktion verkauft.

Wird es Zeit für Carfax Deutschland?

Ich glaube anhand dieses Beispiels wird klar, wo die Vorteile eines solchen Systems liegen. Mir ist klar, dass es datenschutztechnisch gerade in Deutschland wohl problematisch sein dürfte, doch schafft es beim Autokauf und -verkauf eine sehr hohe Transparenz. Es muss ja nicht immer ein so wilder Unfall sein. Jedoch weiss man auch bei kleineren Vermerken bei Carfax später bei der Besichtigung des Autos, worauf man achten muss, ob eine Inspektion ansteht oder etwa in welchen Städten das Auto so unterwegs war. Wo die Möglichkeiten der Manipulation eines solchen Systems liegen, kann ich leider nicht abschätzen. Könnte mir aber durchaus vorstellen, dass Werkstätten ähnlich wie beim Scheckheft ja auch, gerne mal einen Stempel reinsetzen, obwohl sie keine Leistung erbracht haben (oder eine geringere als die laut Serviceintervall benötigte). Da Unfälle im Normalfall den Versicherungen gemeldet werden, sollten die Einträge relativ schwierig zu fälschen sein. Genaueres weiß ich nicht.

Lasst uns dafür sorgen, dass Carfax auch nach Deutschland kommt! Und solltet ihr den Import eines US-Fahrzeuges planen: Auf gar keinen Fall ohne Carfax-Report!

5 Antworten auf „imho: Deutschland braucht ein „Carfax““

  1. Hallo Can,

    Carfax gibt es bereits in Europa: https://www.carfax.eu/

    In Schweden, Slovenien und Spanien sind die Zulassungsbehörden etwas weiter und dort gibt es das System schon. In Polen dauert die Zusammenführung noch, da es mehrere Zulassungsbezirke gab und nun gab es komischerweise Autos, die in allen(!) zugelassen waren. Daher weiß man jetzt auch, wie die gestohlenen Autos einfach verschwinden konnten. 😉 Die Bemühungen laufen in einigen europäischen Ländern, aber es ist sehr mühselig.

    Ich habe Anfang 2010 für Carfax Europe ein wenig Consulting gemacht, da ich die Carfax-Reports für die US-Fahrzeuge seit Jahren kenne und schätze. Leider gehört die Fahrgestellnummer, also das eindeutige Identifizierungsmerkmal eines Fahrzeugs, in Deutschland zu den persönlichen Daten und ist damit vom Datenschutz geschützt. Solange also nicht von politischer Seite aus etwas getan wird, nützen alle Bemühungen nichts. Die Kollegen von Carfax Europe betreiben seitdem intensive Lobbyarbeit, um dies zu erreichen.

    Ich halte das System auch für extrem sinnvoll. Es trägt zur Ehrlichkeit im Gebrauchtwagenmarkt bei. Aber auch an Deinem Beispiel-Mustang sieht man: Er hatte einen Unfall und der Verkäufer erwähnt nichts davon! Nur wer sich den Report vorlegen läßt, bekommt die Infos. Was super ist bei Carfax: Es gibt eine Rückkaufgarantie, wenn die Informationen in der Carfax-Datenbank nicht stimmen, also z.B. Unfälle nicht verzeichnet wurden! Und das alles für die etwa 25$ Gebühren. Aber leider nur in den USA.

    Ich hab dazu übrigens seit Jahren eine kleine Infoseite: http://www.carfax-report.de/ dazu. Außerdem habe ich meine gesammelten US-Import-Informationen, sowie einen Importkosten-Kalkulator (denn mit dem Kaufpreis ist es ja nicht getan) auf einer Webseite zusammengetragen und kostenlos zur Verfügung gestellt: http://www.carfromusa.de

    Viele Grüße

    Jens Wilde
    autoblogger.de

  2. @Jens: Vielen Dank für die ausführlichen und wertvollen Infos. Dann bleibt nur zu hoffen, dass die Lobby-Arbeit Früchte trägt. Ich wusste gar nicht, dass du dich auch eingehend mit Fahrzeugimporten beschäftigst!
    Ich sollte mal in Erfahrung bringen, warum genau die VIN bzw. Fahrgestellnummer in Deutschland für schützenswert erachtet wird. Bei US-Fahrzeugen ist sie ja sogar oftmals gut sichtbar in einem Sichtfenster an der Frontscheibe angebracht.

    1. @Can:
      > Bei US-Fahrzeugen ist sie ja sogar oftmals gut sichtbar in einem Sichtfenster an der Frontscheibe angebracht.

      Genau das ist das Problem: Du könntest bei Deinem Nachbar die Fahrgestellnummer abschreiben, einen Carfax-Report kaufen und weißt nun ganz genau: Ob er den Wagen neu gekauft hat, es ein Re-Import war, wieviel Kilometer er gelaufen hat und ob er Unfälle hatte. Da stehen jedem Datenschützer in Deutschland die Haare zu Berge. 😉

  3. Nicht nur dass,… wen du die SSN von deinem Nachbar hast (Sozialversicherungsnumer) kannst du seine gesamte kriminal historie ohne seine zustimmung online ansehen das geht bis zu jedem strafzettel, ungeachtet wie klein es auch war.

    1. Hallo USA fan,

      das ist wohl richtig. Aber in den USA haben sie es eh nicht so mit Datenschutz. Da kannst du dir auch online die Besitzer einzelner Parzellen in der Stadt ansehen und dergleichen.

      Grüße
      bycan

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