imho: Tempolimit auf deutschen Autobahnen?

Na klar gebe auch ich gerne auf der Autobahn Gas. Schön mit 230 und mehr auf der linken Spur quer durch die Republik brettern. Nichts ist schöner als Schnellfahren. Oder?

Das Schöne am Schnellfahren

Wenn der Verkehr nicht ganz so dicht ist finde ich es deutlich entspannter schnell auf der linken Spur zu fahren als auf der mittleren oder rechten Spur mit Richtgeschwindigkeit 130 km/h. Dort taucht gefühlt alle paar Sekunden irgendjemand vor einem auf. Jedes Mal aufs neue bremsen, in den Rückspiegel sehen, in den Außenspiegel sehen, Schulterblick, Spurwechsel, Gas geben, überholen und wieder nach rechts, vom Gas gehen und weiterfahren. Das nervt gewaltig und führt dazu, dass man sich durch die Bank auf andere Verkehrsteilnehmer konzentrieren muss.

Allerdings ist es wirklich nur dann so, wenn der Verkehr wie Eingangs gesagt nicht sonderlich dicht ist. Sobald viel Verkehr auf der Autobahn ist – und das ist ziemlich oft der Fall – sieht es ganz anders aus.

Das Stressige am Schnellfahren

Auch bei viel Verkehr ist es auf der linken Spur theoretisch angenehmer. Keiner kann einen ausbremsen weil er 50 km/h schneller auf der Spur zur linken fährt und man durch ihn am Spurwechsel gehindert wird. Das geht ganz einfach deshalb nicht, weil links von einem nichts ist. Außer Busch. Was dann erstmal wie ein Vorteil klingt, zeigt sich recht schnell als Nachteil wenn der Mann hinter einem trotz seinen gerade mal 15 Mehr-PS unbedingt zeigen muss, dass er schneller fahren würde – wenn er denn könnte. Wenn man ihn doch lassen würde. Dabei spielt es absolut keine Rolle dass vor einem zig andere Autos auf der linken Spur fahren und man selbst irgendwo dazwischen sitzt. Jeder ist Teil des Übels, jeder ist gerne schneller als der Vordermann und keiner fährt nach rechts. So ist man schließlich auch bei 160 km/h gezwungen ständig in den Rückspiegel zu blicken ob der Hintermann wieder am Heck kuschelt. Stressfrei ist etwas anderes.

Und wenn man dann endlich mal freie Fahrt hat und Vollgas geben kann, endet diese keine 100 Meter weiter mit einem beherzten Ankerwurf weil der nächste nach links rüber setzt. Verständlich, ist er selbst doch 40 km/h schneller als sein Vordermann. Ich an seiner Stelle würde den Vordermann auch überholen wollen. Dass ich nochmals 60 km/h schneller als er bin, kann ihn in dem Moment nicht wirklich stören. Sonst würde er nie eine Gelegenheit bekommen nach links zu wechseln. Und irgendwie bin ich ihm ja letztlich auch dankbar, dass er scheinbar als einer der wenigen zwischendurch wieder nach rechts rüberfährt. Dafür soll er eigentlich nicht bestraft werden. Die Bestrafung sieht auf den deutschen Autobahnen folgendermaßen aus: Super nah auffahren, spät bremsen und aufblenden. Aber genau weil er ja eigentlich alles richtig macht würde ich in so einer Situation niemals aufblenden oder gar eng auffahren. Er weiß mit Sicherheit auch dann wie viel schneller ich war, wenn ich den Sicherheitsabstand einhalte. Jetzt die spannende Frage: Hat es mir etwas gebracht zwischendurch schnell zu fahren?

Darum eben Tempolimits

Ich bin auf der Autobahn schon schnell gefahren. Tagsüber, nachts. Auch deutlich mehr als 250 km/h. Gerne auch mal 320. Kommt man dadurch schneller ans Ziel? Nein. Unter Normalbedingungen nicht. Vermutlich dürfte selbst bei freier Bahn ein durch ewiges Vmax-Gegurke zusätzlich nötiger Tankstopp die herausgefahrene Zeit komplett auffressen. Thema Spitzenverbrauch. Ganz zu schweigen von den deutlich höheren Emissionen. Ja, auch solche Themen haben uns heutzutage zu interessieren. Oder wenn nicht das, dann vielleicht Themen wie die niedrigere Sicherheit im Falle eines Unfalls bei hohen Geschwindigkeiten.

Was den Fahrspaß angeht kann ich aus Langzeiterfahrung behaupten: Auf jeder Landstraße hat man bei Geschwindigkeiten zwischen 50 und 120 km/h deutlich mehr Spaß als mit Zweihundert auf der Autobahn. Was sich nicht von der Hand weisen lässt: Schnell fahren hat seine ganz eigene Faszination. Wenn die Welt an einem vorbeirauscht. Die anderen Autos fast auf der Stelle stehen und die Vergangenheit im Rückspiegel ganz klein wird. Und richtig realisieren kann man das Tempo erst wenn man kräftig Bremsen muss um hinter einem anderen Auto langsamer zu werden. Man bedenke: Mit 250km/h ist man 100km/h schneller als ein Auto, das 150 fährt. Der ist schon schnell unterwegs! Und für den 250er-Kandidaten ist die Differenz dieselbe wie zwischen einem stehenden und einem fahrenden Auto auf der Landstraße. Selbst wenn der anderen ganze 200km/h fährt, beträgt die Differenz dieselbe wie stehendes Auto – fahrendes Auto im Stadtverkehr.

Richtgeschwindigkeit reicht nicht

Wer jetzt sagt: „Na dann fahr doch einfach deine 130 km/h und lass mich in Ruh, verdammt!“ der hat nicht unrecht. Allerdings gehört man dann zu denen, die – so sie denn mal die linke Spur nutzen wollen, besonders bei zweispurigen Autobahnen – freundlich angeschoben werden. Um nicht zu sagen „von hinten genommen“ werden. Womit wir wieder bei der fürchterlichen Stresssituation wären. Und beim ständigen Blick in den Rückspiegel um das Überholmanöver richtig zu timen. Je leistungsschwächer das eigene Auto ist, desto mehr wird es zu einer unspaßigen Beschäftigung.

Schon mal in Europa unterwegs gewesen? Eben.

Eigentlich reicht es ja zwischendurch mal über die Grenze in eines der vielen anderen europäischen Länder zu fahren. Autobahnen limitiert. Geschwindigkeit halten und fahren. Kaum Spurwechsel nötig. Sicher ankommen.

Keiner der schon mal in Italien oder Frankreich auf der Autobahn unterwegs war kann mir allen Ernstes erzählen, dass er die Fahrerei stressig fand. Im Gegenteil: Man sitzt entspannt am Steuer und kommt plötzlich unerwartet am Ziel an. So muss das. Selbst in den USA, wo man dank immer präsenter Polizei auch zum Überholen nicht mal kurz Gas geben kann und Überholmanöver zwischen PKWs den LKW-Elefantenrennen hier bei uns gleichen, muss man neidlos zugeben: Fahren ist entspannend.

Ich will trotzdem schnell fahren!

Wenn ich schon mal ein flinkes Auto habe, dann möchte ich damit schon schnell fahren. Zumindest ab und an mal. Das wäre damit endgültig vorbei. Ganz ehrlich: Ich würde der unlimitierten Autobahn hinterhertrauen. Ich mag es. Ich mag auch dass wir deswegen im Ausland ein ganz besonderes Image haben. Oder dass der Begriff „german autobahn“ jedem Petrol Head die Freudestränen in die Augen treibt. Ich wäre wütend, wenn es nicht mehr dieses Verkehrsschild gäbe, das alle Limitierungen aufhebt. Aber irgendwie funktioniert das System nicht mehr wie früher. Es funktioniert nicht mehr wenn jeder popelige Diesel sowieso die 250 erreicht und jeder schnell sein will. Der Platz dafür jedoch nicht vorhanden ist.

Das Schnellfahren könnte wie im Rest der Welt nur noch auf der Rennstrecke stattfinden. Ohne Gegenverkehr. Mit Auslaufzonen. Und mit engen Spitzkehren. Von denen gibt es nur wenige. Aber wer weiß? Vielleicht führt eine Autobahnlimitierung gerade in Deutschland dazu, dass plötzlich jede Menge Rennstrecken aus dem Boden gestampft werden? Es darf bezweifelt werden. Doch die Hoffnung stirbt zuletzt…

Tollkühner Vorschlag

Man könnte natürlich auch hingehen und für ein Auffahren auf die linke Spur eine Mindestgeschwindigkeit definieren. Geschwindigkeiten über 200 km/h nur auf dreispurigen Autobahnen. Auffahren auf die linke der drei Spuren nur mit mehr als 180 km/h. Man könnte dann auch hingehen und nur für diese Spur eine Maut verlangen. Und – jetzt kommt der Trick – dieses Geld in Fernbusse stecken. Staatliche Bezuschussung der Reisekosten in Höhe der Maut. Somit würde man das Geld der Leute, die es sich leisten können nehmen und es in die Leute investieren, die sich das nicht leisten können. Sozialverträglich, nicht wahr?

Das Ganze geht noch eine Ecke weiter: Je mehr Autos auf dieser besagten High-Speed-Spur unterwegs sind, desto teurer wird die Maut. Über diesen Regler kann man dafür sorgen, dass die Spur auch tatsächlich immer frei ist.

Ich gebe zu: Ganz meine eigene Idee ist das nicht. Ein ähnliches System (natürlich nicht für Highspeed sondern für Stau-Umgehung) wurde von Siemens in Tel Aviv, Israel umgesetzt (Anmerkung: in dem Artikel kommt nicht gut rüber dass das Maut-Geld in kostenlose Stadtbusse für dieselbe Strecke reinvestiert wird).

Anmerkung: Ich habe mich bewusst auf den Faktor „Stress“ beschränkt, da er in meinen Augen als einziger eine wirkliche Rolle spielt. Für Argumente wie weniger Unfälle etc. pp. gibt es viele Für- und Widerstimmen. Eine ausführliche „Kontra Tempolimit“-Diskussion findet ihr beim Science Skeptical Blog.

Update 31.01.2014 – Ich habe auf meinem Facebook-Profil nochmal zusammengefasst:

Was bleibt als Fazit aus meinen Tempolimit-Überlegungen? #tempolimit #autobahn

Folgendes, kurz zusammengefasst:

* Bei den Diskussionen wird oft vergessen, dass es auch viele km Autobahn außerhalb der Ballungszentren gibt – dort kann man problemlos schnell fahren ohne andere zu gefährden und Stress zu haben – stimmt, muss ich neidlos zugeben

* Innerhalb der Ballungszentren sind nicht limitierte Autobahnen de fakto sowieso kaum noch zu finden und die Diskussion somit unerheblich

* Innerhalb der Ballungszentren sind dynamische Geschwindigkeits- anpassungen per Anzeige der flexiblere Weg

* Was den Stress-Faktor bei Fahrten im Ausland betrifft, scheint jeder eine völlig andere Meinung zu haben. Der eine hat keine Probleme, der andere hingegen findet es schlimmer als hier

* Wie „stressig“ eine Fahrt sich anfühlt könnte damit zusammenhängen ob man beruflich unterwegs ist (Zeitdruck etc. pp.) oder privat (respektive im Urlaub unterwegs ist). Dass man sich im Urlaub nicht so schnell aus der Fassung bringen lässt leuchtet ein. Stichwort Tiefenentspannung

* Nach einer Untersuchung der Bundesanstalt für Straßenwesen (BASt) sind 65,5 Prozent (der Autobahnen) unlimitiert. – danke Thomas Gigold von autokarma

* Die Idee mit der dedizierten „Highspeed-Spur“ kommt gut an

Hier der Link zur Facebook-Statusmeldung

12 Antworten auf „imho: Tempolimit auf deutschen Autobahnen?“

  1. Ganz ehrlich mal ne kurze Frage dazu:
    Ich bin häufig in den USA mit dem Auto unterwegs und kann dort nur immer wieder feststellen, wie anstrengend es ist mit den 65 Meilen auf der Bahn zu gleiten. Denn man wir ständig von allen Seiten überholt, Leute schiessen über die Spuren zur Ausfahrt (weil ja eh alle gleichmäßig fahren). Im Endeffekt werde ich immer sehr müde und erschrecke zwischendurch.

    Eine Fahrt durch die Schweiz nach Italien sehe ich ebenfalls nicht als entspannend an. Die Geschwindigkeit verlängert die Reise so unangenehm, dass es auf daher anstrengender ist, weil man eben nicht mit 160-180 (meine übliche Reisegeschwindigkeit auf meinen 1200 km pro Woche) fahren kann, sondern mit den 130 sehr zäh nur voran kommt. Frankreich ebenso, dort die ständigen Wechsel der Geschwindigkeiten machen es auch nicht gleichmäßiger.
    Die Mautstellen stoppen dann mal ab und zu komplett den Verkehr. (eine Randnotiz: in Frankreich sehe ich, dass die Maut in gut gepflegte Straßen fließt, besonders beim Winterdienst. – Aber wo bleibt das Geld nur in Italien?)

    Ich bin für eine Richtgeschwindigkeit von 170 km/h auf der 3. Spur und dazu für ein totales LKW-Überholverbot bundesweit mit gleichzeitiger identischer Maximalgeschwindigkeit aller LKW von 90km/h (denn heutzutage fahren die eh immer 89) – sodass die zumindest alle hintereinander weg gleiten und nicht mehr in Elefantenrennen die Leute mit 120 km/h auf die 3. Spur schieben Ausnahmen nur bei extremen Steigungen durch eine 4. Spur.
    Fernbus klingt interessant – aber warum dann nicht die Bahn wieder verstaatlichen und günstiger machen?

    1. @Jan:
      Dieses Gefühl des zähen Vorankommens entsteht doch aber erst dadurch, dass man in Deutschland gewohnt ist schneller zu fahren.
      Ich merke schon über die Kommentare hier und auf Facebook, dass das Thema „Reisen im Ausland“ bei den Leuten gaaanz unterschiedlich ankommt – äußerst ineressant!
      Deinen Vorschlag allerdings finde ich gut, geht ja teilweise in die Richtung dessen was ich zum Schluss andeute. Zwei Anmerkungen:
      1. Ja, LKWs sollten einfach gekoppelt als endloser Zug auf der rechten Spur fahren. Eine andere Idee hatte ich allerdings neulich auch – und habe auch vor demnächst was dazu zu schreiben: Warum nicht eine Art KERS für LKWs? Zeitweise dürfen sie eine Art „Turbo“ aktivieren und 100km/h fahren. So könnten sie bei Bedarf deutlich schneller den Vordermann überholen und auch den Sicherheitsabstand einhalten.
      2. Ich setze deutlich mehr Hoffnung in die Fernbusse als in den Bahnverkehr, einfach deshalb. Außerdem würden Busse mit 50+ Leuten die Autobahnen zusätzlich entlasten (= potentiell 20 bis 50 Autos weniger)

  2. Tempolimit?
    Ja, und danach lass uns doch weiter machen, wir ermitteln die durchschnittliche Lebenserwartung eines Deutschen und nennen dieses Alter „EdL“ (Ende des Lebens). Beim Erreichen des EdL wird nicht die Krankenkassenleistung verweigert, nein, man wird einfach exekutiert, egal wie gesund man ist oder was man für die Geselschaft leistet. Unter dem Stich fahren wird damit besser, denn, wir haben weniger Kranke da weniger Alte, somit werden die Krankenkassenbeiträge sinken, wir schaffen Platz für die Jügend und überhaupt leben wir dann viel entspannter und durchgeplanter, und werden nicht von den Alten ausgebremst. Wer es sich jedoch leisten kann, kann gegen eine Gebühr zusätzliche Jahre Leben erkaufen, dieses Geld geht dann direkt an die drogenabhängige Jugendliche, denn es ist nur sozial wenn alle EdL erreichen.
    Also, her mit dem Tempolimit!

    1. @Andreas:
      Sarkasmus ist auch eine Art damit umzugehen 🙂 Tatsächlich ist die Überalterung unserer Bevölkerung ein riesen Problem dass man an anderer Stelle durchaus auch thematisieren sollte. Dein Vergleich in Bezug auf die Maut hinkt trotzdem etwas. Man muss ja nicht direkt Menschen töten. Aber dass beispielsweise Leute mit den nötigen finanziellen Mitteln mehr für eine (normale) Behandlung zahlen und dieses Geld für kostenlose Impfungen von Mittellosen genutzt wird wäre ja nicht unbedingt eine Errungenschaft für die sich eine Gesellschaft schämen müsste. Besonders wenn man von einem Sozialstaat spricht. Dass solche Gelder oft im falschen Topf landen ist ein anderes Problem, ändert aber nichts an der Validität der Idee.

  3. Ehrlich, das Wespennest willst Du anstechen? Mutig. 😉
    Aber gut.

    Jedenfalls kann ich Dir mit dem Stress absolut nicht zustimmen – und zwar in beide Richtungen.
    Es ist auch ehrlich gesagt etwas nervig, wenn sich ständig jemand hinstellt und erzählt, wir hätten doch eh zuviel Verkehr für eine unlimitierte Autobahn. Wenn man sich dann anschaut, wo derjenige herkommt, ist es mit schöner Regelmäßigkeit jemand aus einem der großen Ballungsgebiete bzw. gleich dem Ruhrgebiet.
    Wo das sogar stellenweise stimmen mag.

    Was diejenigen aber leider recht oft (und zu meiner Verärgerung) nicht verstehen: es gibt auch viele Gegenden in Deutschland, wo das eben nicht so ist. Wo eine Autobahn vielleicht zu gewissen Stoßzeiten relativ voll ist, ansonsten aber (tagsüber wie auch nachts) fast brach liegt. Und dort gibt es bei der Qualität unserer Autobahnen schlicht und ergreifend keinen Grund, ein generelles Tempolimit einzuführen.
    Auf Autobahnen wie der A20, A73 oder A92 kann ich mit schneller Fahren eben durchaus sehr viel Zeit aufholen, die auch ein zusätzlicher Tankstopp nicht auffrisst (generell sind Dieselfahrzeuge für solche Touren aber besser geeignet). Da schaffe ich dann die 250km von Landshut nach Bregenz in knapp 1,5 Stunden, wenn ich in der Nacht losfahre.
    Stress? Natürlich ist jeder Mensch unterschiedlich. Ich hätte jedenfalls mehr Stress, wenn ich auf dieser komplett leeren Autobahn mehr als zwei Stunden lang mit der halben Höchstgeschwindigkeit entlang bummeln müsste.

    Nach Bregenz ging die Fahrt dann übrigens Richtung Genf weiter, und natürlich auch zurück – bisher zweimal.
    Mit dem Erlebnis hat sich für mich dann auch das Argument erübrigt, mit generellem Tempolimit würde alles viel entspannter. In der Schweiz, zumindest wenn es dann bei Genf etwas mehr Verkehr wurde, sind nämlich mindestens genauso viele Idioten unterwegs wie in Deutschland, die Abstände sind noch geringer als bei uns, es wird geschnitten und es gibt sogar Lichthupe – um danach mit 2km/h Überschuss an einem vorbei zu schleichen.
    Ich bin noch nicht im Ruhrgebiet gefahren, vielleicht ist es da noch schlimmer, aber am meisten Angst hatte ich bei meinen bisher gefahrenen knapp 190.000km (davon ein Großteil Autobahn) auf der Schweizer A1.

    Auch die Erfahrungen auf der A92, als hier zeitweise im Sommer alles auf 80km/h limitiert war, lassen mich an der Effektivität eines TLs zur Stressreduzierung in Deutschland doch arg zweifeln. Da wurde sich gegenseitig fünfmal hin und her überholt, das Rechtsfahrgebot verkam endgültig zu einem unverbindlichen Angebot, Überholmanöver mit 0,5km/h Überschuss, Autos und LKW die beim Ansetzen zum Überholen überhaupt nicht mehr in den Spiegel schauen, Oberlehrer die alles noch mehr einbremsen…ich habe in dieser Zeit wahre Verbrauchsrekorde erzielt, aber auch wirklich kennengelernt, mit wie vielen Idioten die A92 gesegnet sein kann.
    Ohne TL brauche ich nur einmal kurz Gas geben und bin weg, wenn es mal ein besonders nerviges Exemplar dieser Gattung gibt. Mit TL – keine Chance.

    Also – wenn meinetwegen morgen das ganze Ruhrgebiet mit Tempo 120 gepflastert wird kann ich mir vorstellen, viel Unterschied merkt man nicht. Aber bitte davon nicht auf den Rest Deutschlands schließen, und schon gar nicht vom eigenen Stressverhalten auf das anderer.

    Übrigens habe ich 140.000 der genannten 180.000km in leistungsschwachen Autos zurückgelegt. Die Fälle, wo ich wirklich mal von hinten „angeschoben“ wurde kann ich an einer Hand abzählen – meistens von Kleinwagen die Angst haben ihren Schwung zu verlieren oder Kleintransportern die Angst vor ihrem Chef haben. Und dann hilft eh nur ruhig bleiben und mit Bedacht die nächste Lücke aussuchen.

    MfG,

    Robert

    1. @Robert:
      Jepp, das Wespennest gehört angestichen. Will doch wissen wie meine Leser ticken! 😉
      Ich gebe zu: Du sprichst einen wichtigen Punkt an: Stadt/Land. Ich weiss auch aus eigener Erfahrung, dass es durchaus Autobahnen gibt die etwas abgelegener sind und auf denen man gut vorwärts kommt. Vielleicht kann man sogar sowet gehen zu sagen, dass man in den Ballungsgebieten letztlich durch Baustellen, Lärmschutz und dynamische Verkehrsanpassung per digitalen Tafeln sowieso immer auf beschränkten Autobahnen unterwegs ist. Ein absolut korrekter Einwand, danke dafür!

      Interessant allerdings wie unterschiedlich die Wahrnehmung im Ausland ist. Sowohl hier als auch auf Facebook hab ich schon ein paar Meinungen und die Autobahnen im Ausland scheinen sich wirklich dem einen so und dem anderen so zu präsentieren. Ich kann nur wiederholen dass ich es im Ausland immer entspannt fand.

      Deine Beobachtung zu leistungsschwachen Autos überrascht mich. War ja lange Zeit auch mit leistungsschwachen Autos unterwegs (ich rede von unter 70PS) und: Jeder schiebt an. Die Soccer-Mom in ihrem Q7 mit ganz toller Lichthupe genauso wie der Golf-Fahrer. Und jedem der Autos hat man eindeutig angesehen, dass sie keine Leistung auf der Brust hatten. Kein Grund zu Drängeln also, es geht eh nicht schneller. Vielleicht auch ein Phänomen das sich eher in Ballungsgebieten findet?

  4. Zum Vergleich mit den USA noch etwas: ich lese, höre und schaue sehr viel von amerikanischen Autojournalisten und -bloggern.
    Die kommen auch des öfteren nach Deutschland, um den neuen Mx, RSx oder x63AMG etc. zu testen.
    Manchmal sind es auch von Autos eher unbeleckte Leute, die hier einfach ihren M5 abholen und danach noch durch Deutschland fahren.

    Und es fällt schon auf, wie aber auch wirklich jeder von denen danach den Mund gar nicht mehr zukriegt wenn er die deutschen Autobahnen lobt. Wie man hier total entspannt mit 200km/h und mehr fahren kann, weil die Straße gut ist und (insbesondere) die deutschen Autofahrer aufpassen, sich vorbildlich verhalten und mit schnellen Autos umgehen können. Wohingegen man in den USA bei halber Geschwindigkeit quasi in ständiger Angst lebt.
    Die sind sich auch alle einig, daß unlimitierte „Autobahnen“ in den USA nicht möglich sind, weil die Fahrer zu schlecht sind und das ganze (meistens) auch baulich nicht darauf ausgelegt ist. In Deutschland hingegen ist das aus diesem ausländischen Sichtwinkel kein Problem.

  5. Can,

    mit der dynamischen Verkehrsanpassung sprichst Du einen guten Punkt an: es gibt nämlich schon mehr als genug Möglichkeiten, individuell an entsprechend belasteten Autobahnen für einheitlicheres Tempo zu sorgen. Ganz wichtig: wenn das nötig ist.
    Digitale Tafeln sind dabei natürlich de luxe, aber auch tageszeitabhängige Limits (und LKW-Überholverbote) bringen schon sehr viel. Und wenn stellenweise wirklich immer viel los ist bzw. andere Gefahrenstellen vorliegen, dann meinetwegen auch ein örtlich, aber nicht zeitlich begrenztes Limit.
    Das sind alles wesentlich modernere und bessere Lösungen als ein generalisierendes „Alle fahren maximal 120/130“, und mehr Akzeptanz finden die auch. Wozu mangelnde Akzeptanz führt sieht man bei offensichtlich unsinnigen Limits, wo man mit 20km/h drüber den meisten fast noch im Weg steht. Das kann man übrigens auch teilweise im Ausland beobachten, wo man sich als guter Deutscher, häufig natürlich die höheren Bußgelder fürchtend, oftmals als einer der langsamsten findet (meine Beobachtung in Österreich und der Schweiz).

    Zum Thema Ausland kommt es natürlich auch darauf an, was man dort macht. Und da unterscheidet sich Deutschland wirklich gar nicht von Frankreich, der Schweiz oder Österreich. Was machst Du (und die meisten Facebook-Kommentatoren) denn im Ausland? In den Urlaub fahren. Da bin ich aber eh schon grundentspannt, und nehme meine Umgebung entsprechend auch wesentlich anders wahr als in Deutschland, wo ich meistens zum nächsten Termin oder zur Arbeit fahre bzw. versuche, fünf Shoppingziele mit Friseur und Kind abholen in einen zu kurzen Nachmittag zu zwängen.
    Umso mehr natürlich in Ballungsgebieten wie an der Ruhr, weshalb Du dort vermutlich auch wesentlich mehr Drängler findest (gerade die Soccer-Mom).

    Was ich sagen will: wenn ich in den Urlaub, oder einfach mal so zum Spaß fahre, also keinerlei Termindruck habe, kommt mir die Autobahn in jedem Land entspannt vor, aTL oder nicht. In Deutschland macht es mir dann nichts aus, hinter einem LKW zu warten bis die „Eilomobils“ vorbei sind, pöhse Drängler und Bremser werden eher mit einem Schulterzucken bedacht als mit Ärgern. Und im Ausland habe ich kein Problem damit, zehn Stunden mit Tempomat 122 zu fahren, während mich alle anderen mit 123-oben offen überholen.
    Wenn ich aber etwas zu erledigen habe, bin ich in Deutschland wie auch im Ausland wesentlich unentspannter und nehme entsprechend auch die Umgebung anders wahr. Da wird jedes Drängeln oder Ausbremsen zum persönlichen Angriff, ich will Vorankommen und alles, was dabei stört – Tempolimit, Baustellen, andere Fahrer die einen Flüchtigkeitsfehler begehen – nervt ungemein.

    Wenn alle hier einmal ganz ehrlich zu sich selbst sind, werden die meisten auch für sich feststellen, daß diese unterschiedliche Reaktion und Wahrnehmung auch auf sie zutrifft.
    Wenn also jemand schreibt, im Ausland sei es immer viel entspannter als in Deutschland, sollte man ihn mal fragen, wie hoch der prozentuale Anteil der Urlaubs- und Spaßfahrten in diesem Ausland im Vergleich zu Deutschland ist.

    Zum Thema Fernbusse: ich denke hier bist Du leider etwas auf dem Holzweg. Kein Fernbus wird irgendein Auto ersetzen, die Fernbusse stehen in (preislicher) Konkurrenz zur Bahn. Sind dabei aber nicht mal bequemer als die Bahn.
    Meiner Meinung nach wäre, wenn schon Geld in öffentliche Verkehrsmittel fließt, dies wesentlich besser bei der Bahn angelegt. Um dort die Preise zu senken. Das entlastet die Autobahnen, und sogar die Umwelt.

    MfG,

    Robert

    1. @Robert:
      Hmm größtenteils ist es bei mir Urlaub, ab und an auch aus anderen Gründen, ab und an auch auf Einladung der Hersteller in irgendwelche Städter, Länder etc. pp.
      Zeitdruck habe ich meistens nicht. Doch den habe ich auch in D nicht wenn ich beruflich oder sonst irgendwie unterwegs bin. D.h. Autobahnfahrerei um Punktgenau zu einem bestimmten Termin am anderen Ende der Republik zu sein kenne ich nicht. Trotzdem habe ich in D den Eindruck den ich nunmal habe (und oben beschreibe).
      Auch hier möchte ich wieder sagen: Ein interessanter Punkt von dir. Denn einleuten tut es. Wenn man selbst sowieso schon unter Zeitstress steht dann sind alle anderen ja immer ein Hindernis. Anderes Beispiel dafür: Zu Fuss durch eine völlig überfüllte Fußgängerzone weil man einen Bus oder sonstwas erwischen möchte. Alle anderen sind dann gefühlt zu blöd sich richtig zu bewegen 🙂

      Was die Fernbusse angeht glaube ich nicht dass ich auf dem Holzweg bin, denn
      1. Es gibt die DB schon ewig, bisher hat sich dort nix zum Besseren verändert also gehe ich nicht davon aus dass das zeitnah passieren wird
      2. Jedem ist bewusst dass die Bahn eine gute Alternative ist und die Umwelt entlastet. Aber mal ehrlich? Wer hat bisher positive Erfahrungen was das Reisen an sich angeht mit der Bahn gemacht
      3. Dass du Fernbusse eine attraktive Alternative werden zeigt schon allein die Zunahme eben dieser. Ich würde aktuell den Fernbus vorziehen. Lieber im Auto-Stau stehen als mit der Bahn irgendwo auf einem einsamen Bahngleis mitten in der Pampa
      4. Natürlich ersetzen Fernbusse (genau wie andere Verkehrsmittel: Bahn, Flieger) Autos. Die Leute die drin sitzen wollen ja irgendwie ans Ziel gebracht werden. Ob die „Busfahrer“ sich eher aus Ex-Bahnfahrern oder aus Ex-Autofahrern zusammensetzen wäre interessant zu erfahren. Wenn man davon ausgeht dass Autofahrer nicht auf das Auto verzichten weil die Bahn zu unzuverlässig und zu unflexibel ist, dann könnten Busse für eben diese Kandidaten in Frage kommen.

      Grüße
      Can

  6. Da muss ich Robert etwas unterstützen…
    Die Fernbusse machen nur Konkurrenz zur Bahn.
    Ich zum Beispiel fahre auf den langen Fahrten mit guter Planung immer mit vollem Wagen, dank mitfahrgelegenheiten.

    Weiterhin ist das ein guter Gedanke: In den Urlaub fährt man entspannt.
    Ich für meinen Teil muss wegen der Arbeit häufig nach Grenoble aus Bayern kommend. Da ist man leider nicht entspannt und wird nur sehr gestresst durch die Fahrt in Frankreich.

    In den USA war ich letztes Frühjahr und wollte gerne von LA nach Las Vegas, hatte aber nur noch einen Tag Zeit:
    Aufgrund der Distanz und den vorgeschriebenen 55 mph ist es mir nicht möglich gewesen dort hin und zurück in einem Tag zukommen. Die Autobahn dahin ist groß, weit und leer, kaum Städte ! Ich fands schade, aber das ist einfach der Vorteil in Deutschland, in Ballungsräumen ergibt sich das von selbst, aber auf den einsamen Autobahnen nach Greifswald zB kann man einfach zügig vorankommen ohne Bedrängnis für irgendjemanden.

    1. @Jan:

      Dein erster Absatz: Siehe meinen Kommentar gerade
      Dein zweiter Absatz: Sehe ich auch so, ein guter Gedanke!
      Dein dritter Absatz: Nunja… wenn man sich so unmögliche Ziele setzt wird es natürlich schwierig. Eine bestimmte Strecke verlangt dort wie auch hier nach einer bestimmten Zeit. Außerdem ist auch in D zwischen zwei Städten eine Durschnittsgeschwindigkeit über die gesamte Strecke von 55 mph schon recht ordentlich. Eine höhere Durchschnittsgeschwindigkeit würde ich für einen Tagestrip kaum einplanen.
      Was Autobahnen außerhalb der Ballungszentren angeht: Full ACK. Hatte ich auch weiter oben irgendwo schon geschrieben 🙂

      vg
      bycan

  7. Abschließend sei noch gesagt:
    Sonntag Abend bin ich mal wieder aus meiner alten Heimat Hamburg nach Franken gerollt und habe dafür gerade einmal 4 Stunden gebraucht – 550 km – kein rasen, nur ausnutzen der freien Bereiche mit Tempomat auf 180, sonst wie Tempolimit auf der hälfte der Strecke etwa.
    Die von mir besagte Strecke LA (genauer Anaheim) – Las Vegas sind 301 Meilen – und damit laut google mindestens 5 Stunden Fahrtzeit – realistisch wohl mehr – und das sind tatsächlich immer noch 70 km weniger als meine gerade gefahrene Strecke.

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