Mercedes E-Klasse 2017 (w213) Fahrbericht

Ist Mercedes nun wirklich der Vorreiter in Sachen Digitalisierung unter den deutschen Herstellern?

Die neue Mercedes E-Klasse wirkt auf den ersten Blick unscheinbar. Sie versteckt sich unter dem „Bleche“, dass man von einer E-Klasse erwartet. Understatement wird hier groß geschrieben und die feschen, mutigen Linien bleiben aus. Stattdessen ein Klassenvertreter, der sich ohne Wenn oder Aber dem Konzerngesicht unterordnet und die – sagen wir mal – massenverträglichste Interpretation der seit der S-Klasse bekannten Linien ist. Aber es passt eben zum Markt, zur Nachfrage und Mercedes würde alles falsch machen, wenn sie in dieser Fahrzeugklasse unartig wären.

Auf den zweiten Blick erschlägt einen die schiere Menge an Sicherheits- und Komfortfeatures, die Mercedes mit der E-Klasse anbietet. Die Pressemappe explodiert förmlich vor Informationen zu diesen Themen. Und nicht etwa zum Thema Motor oder Fahrwerk. Hier gibt es zwar mit dem E220 d einen neuen 4-Zylinder Diesel, ansonsten ist es aber relativ ruhig. Erwähnenswert wäre vielleicht noch die perfekt agierende (selbst bei sportlicher Fahrweise) 9-Gang Automatik, die in alle Fahrzeug als Standard Einzug hält. Viel wichtiger scheint den Schwaben zu sein heraus zu formen, dass die E-Klasse in Sachen Interface und Individualisierungsmöglichkeiten dem Smartphone höchst überlegen ist.

Teilautonomes Fahren, neueste Lichttechnik, Full-HD Armaturenbrett.

Und die Rechnung geht auf. Selten erlebt man ein Auto, bei dem man schon im Stand so viele Entdeckungsmöglichkeiten hat. Der komfortable, helle Innenraum lädt zum entspannen ein und die haptisch wundervollen (das sage ich seit der C-Klasse!) Tasten animieren zum rumtippen.

Full-HD Armaturenbrett.

Zwei riesige Full-HD Displays ersetzen die klassischen analogen Instrumente. Für das Hauptdisplay mit Drehzahlmesser und Tacho gibt es drei verschiedene Darstellungsmodi, die sich nach Auswahl über ganz neue und äußert klug integrierte Touch-Flächen am Multifunktionslenkrad (statt klassischer Vier-Wege-Wippen) weiter modifizieren lassen. Damit halten Wischgesten am Lenkrad Einzug und es funktioniert richtig gut! Das zweite Display, das eher die Funktion des klassischen Entertainment-Systems übernimmt, steuert man über den Drehsteller oder die Touchoberfläche am Mitteltunnel. Die feinauflösenden Buttons, Texte und Animationen sind ein Augenschmaus, laufen flüssig und sind durchwegs logisch angeordnet.

Durch die zwei Displays sind die Tasten im Innenraum auf ein Minimum reduziert. Das hat aber auch zur Folge, dass man zum Einstellen beispielsweise der Massagefunktion (jepp) auf das Display angewiesen ist und sich durch Menus hangeln muss. Ob die Reduktion der Tasten in allen Belangen sinnvoll ist, zeigt sich vermutlich erst nach längerem Zusammenleben mit der neuen E-Klasse.

Teilautonomes Fahren mit der Mercedes E-Klasse.

Absolutes Highlight in der neuen E-Klasse ist das teilautonome Fahren. Ja, genau das. Das Auto fährt selbstständig. Schon vorher war Distronic Plus ein verflucht gutes System um auf Autobahnen und im Stop&Go-Verkehr möglichst wenig selbst machen zu müssen. Der Mercedes gibt dann von alleine Gas und Bremst, lenkt in der Fahrspur mit oder hinter dem Vordermann her. Das war schon eine riesen Hilfe im Alltag.

Doch jetzt beginnt ein neues Kapitel: Deutlich länger darf das Lenkrad nun losgelassen werden. Deutlich sensibler hält die E-Klasse die Spur. Spurwechsel sind vollautomatisch durch Blinkerbetätigung möglich. Und die Schildererkennung programmiert automatisch die maximale Geschwindigkeit des Tempomats. Und wenn man das Lenkrad doch zu lange nicht berührt, so leitet die E-Klasse ein kontrolliertes Bremsmanöver ein, statt wie bisher einfach das System zu deaktivieren und geradeaus auszurollen. Man merkt der E-Klasse an, dass Mercedes hier bewusst den nächsten Schritt geht. Nicht bewusst, selbstbewusst!

 

84 LED Scheinwerfer.

Was die schnell voranschreitende Lichttechnik-Entwicklung angeht, ist Mercedes auch wieder auf der Höhe der Zeit (hier war ja gerade Audi einen Schritt voraus). 84 LEDs pro Scheinwerfer ermöglichen es,  automatisch und rein elektronisch – also ohne mechanische Stellwerke – den Lichtkegel zu steuern. Kurvenlicht, im Lichtkegel ausgeblendeter Gegenverkehr, Citylicht und Kreuzungslicht… all das bekommt man jetzt auch bei Mercedes. Dazu eine wunderschöne Visualisierung der aufblendenden Scheinwerfer in Form eines Vorhanges aus Licht. Doch auch im Innenraum hält nun ausschließlich die stromsparende und einfach schönere LED-Technik Einzug – wie auch schon bei der S-Klasse. Dadurch können Lichtakzente überall dort gesetzt werden, wo es bisher nicht möglich war. Die steuerbare Farbauswahl ermöglicht es, dem Innenraum nachts einen völlig individuellen Touch zu geben.

Sicherheitsfeatures.

Auch was die Sicherheitsfeatures angeht hat Mercedes lecker aufgetischt. Gurtairbags im Fond oder etwa Sitze, die bei einem Seitenaufprall den Insassen ein Stück von der B-Säule wegschubsen (zu sehen in unserem VLOG-Video unten). Selbst so ungewöhnliche Sachen wie ein rosa Rauschen (PRE-SAFE SOUND) über die Audio-Anlage kurz vor einem Aufprall auf ein anderes Fahrzeug, um das Gehör zu entlasten indem der Stapedius Muskel angesprochen wird. Kurzum: Wem die standardmäßig verbauten Sicherheitsfeatures nicht ausreichen, der kann noch jede Menge zusätzliche Features auswählen um das Fahren sicherer zu machen.

Ist die neue Mercedes E-Klasse das perfekte Fahrzeug?

Ihr wisst, dass ich in einem Auto anderes suche als das, was die E-Klasse bietet. Aber man muss sich, nachdem man einen Tag mit ihr verbracht hat und sie sogar auf der Rennstrecke bewegen durfte, ernsthaft fragen, ob das das perfekte Auto ist. Denn es bietet vieles, alles, mehr als man erwarten dürfte. Es dürfte jede Erwartung erfüllen und im Alltag jede Situation befriedigen. Was Mercedes hier auf die Beine gestellt hat, dass dürfte den Stuttgarter Ingenieuren durchaus bewusst sein. Aber die Konkurrenz in dieser Fahrzeugklasse ist unermüdlich. Und genau davon profitieren diese Fahrzeuge. Hier kann sich keiner einen Schnitzer leisten. Uns als Autokäufer dürfte das freuen, denn wir erhalten wirklich ein Auto auf dem derzeitigen Zenit der Branche. Und manchmal sogar eine Ecke mehr wie bei der E-Klasse.

 

Bildquelle: Can Struck / Driver’s Groove