Mitternachtsgedanken: Gerhard Riedl mit „Am Berg“

VON Gerhard Riedl

Unter dem Motto „Mitternachtsgedanken“ habe ich verschiedene Blogger, Schreiber und Influencer gebeten sich um Mitternacht bei einem Glas Rotwein an ihre Notebooks zu begeben und sich über das auszulassen, was sie im Straßenverkehr am meisten aufregt. Heute schreibt Gerhard Riedl von roadstertouren.at.

Jahrgang 1961 und spätberufener MX-5 Treiber. In Wien geboren und aufgewachsen. Autos hatte er seit er 18 war, aber erst 2008 erfüllte er sich den großen Wunsch nach einem kleinen 2-Sitzer mit dem MX-5. Seit 2009 auf großen und kleinen Touren unterwegs. Diese Leidenschaft, die auch seine Frau teilt, hat die Beiden bis Rom und Monaco gebracht. Den Blog roadstertouren.at gibt es seit 2010 und er ist auch eine Fundgrube für andere Pässefahrer und solche, die es werden wollen.

Seit 2012 ist Gerhard Riedl Co-Pilot einer traumhaften Chevrolet Corvette aus dem Jahr 1959 bei diversen Classic-Rallyes. 2014 konnten sie in ihrer Klasse die österreichische Staatsmeisterschaft gewinnen.

Ich habe, automobilistisch gesehen, eine große Leidenschaft und das sind mehrtägige Touren in den Bergen und was einem da manchmal begegnet geht nicht auf die sprichwörtliche Kuhhaut.

Eine der Spezies, die man auf kleinen Bergstraße nicht sehen will, sind große Vans mit holländischen Kennzeichen. Die haben die besondere Gabe, dass sie von ihren Fahrern immer hangseitig betrieben werden. Ganz egal auf welcher Straßenseite, Hauptsache beim Hang. Der Abhang ist scheinbar das greifbare Böse, von dem man sich fernhalten muss. Auch eine Roadstergruppe bringt diese Menschen, trotz reichlich Platz, nicht dazu eine Fahrspur freizugeben. Nein, da müssen schon ein paar Leute aus den kleinen Zweisitzern aussteigen und den Herrn aus dem flachen Land den Weg weisen und zur Sicherheit zwischen dem Auto und dem Abhang stehen, damit die Schwerkraft keine Chance bekommt und das schöne Auto in den Abgrund zieht.

Oder Autofahrer, die es schaffen auf der, zugegebener weise nicht ganz einfachen Straße zur Passhöhe des Stilfserjochs reversieren zu müssen. Nicht einmal, auch nicht zweimal, nein, man testet die Nerven der sich langsam aber stetig verlängernden Autoschlange dahinter. Das Reversieren war nicht etwa notwendig, weil irgendein großes Hindernis die gute Linie verstellt hätte, sondern einfach wegen der Unfähigkeit des Fahrers. Und das Auto war kein Bus mit 50 Sitzen, es war ein ganz einfacher Golf ohne Anhänger. Auch keine Stretchversion.

Ein anderes Hindernis sind manche 2-Radfahrer. Auch die, welche mit Motor unterwegs sind. Und ich meine jetzt nicht die, bei denen schon aus großer Entfernung klar ist, dass ihnen die Routine am Berg fehlt. Die machen meist ganz bereitwillig Platz, um sich selbst Stress zu ersparen.

Es sind diejenigen, die auf der Geraden zeigen, was der Ofen kann und dann das Bike quasi um die Kurve tragen. Wenn man nicht gerade einen Supersportwagen fährt, hat man praktisch keine Chance so einen Biker zu überholen. Platz machen diese Typen auch nicht, weil sie ja auf den geraden Stücken gern voll angasen um dann kurz vor der nächsten Kehre den Anker werfen zu können.

Die Radfahrer am Berg sind eine ganz besonderen Spezies. Wenn man ihnen ins Gesicht schaut, blicken die meist mitleidheischend aus der Wäsche. Ich nenne sie gern die „Sauerstoffentzugsjunkies“. Hecheln mit allerletzter Kraft zur Passhöhe und brauchen dabei, wegen fehlender Geschwindigkeit und Schwindel wegen der Unterversorgung des Gehirns, oft die ganze Straße in ihrer vollen Breite. Nicht falsch verstehen – ich habe Hochachtung vor Menschen, die eine so gewaltige Anstrengung ohne Schäden schaffen. Aber sich und andere zu gefährden ist nicht mehr lustig. Zum besseren Verständnis des Ärgers über die Radler am Berg will ich drei kleine Beispiele erzählen.

Sommer 2014 während unserer Dolomitentour mit 8 Roadstern überholen wir gleich nach der Passhöhe des Passo Falzarego einen Radfahrer. Kurz darauf verdichtet sich der Verkehr und wir müssen ein wenig langsamer fahren. Da beginnt der Radler unsere Kolonnen zu überholen und stürzt sich Todesmutig den Berg hinunter und schafft 3 von unseren Autos.

Erst als der Gegenverkehr das Weiße in seinen Augen sieht, reiht er sich wieder ein. Kurz darauf eine ähnliche Aktion. Wir fahren in der Gruppe eher defensiv und lassen den Vogel ziehen. Auf einem flacheren Stück überholen wir ihn wieder. Vorne reiht sich ein langsameres Auto ein und der Effekt ist, dass der Radler wieder – mal links, mal rechts – unsere Kolonne überholt. Fährt mal mit gleicher Geschwindigkeit links hinter und neben mir. Nur ein paar Sekunden später ist er rechts neben mir und so geht es durch ein paar Kurven, bis ich ihn endlich los bin. Wenn der gute Mann einen winzigen Fehler macht und mein Auto berührt stürzt er wahrscheinlich. Ich halte es auch für eine absolut schwachsinnige Aktion. Alleine wenn ich schnell bremsen muss, sieht der das Innere meines Kofferraums.
Sommer 2012 – Passo Rolle (glaube ich) – wir fahren recht flott bergauf, rechts Haarnadel und ich sehe bei einem Blick nach oben den LKW, der uns entgegen kommt, ziehe durch die Kehre und hüpfe praktisch mit beiden Beinen in die Eisen und suche einen Ausweg. 2 Radfahrer sind neben dem LKW und versuche ihn noch schnell vor der Kehre zu überholen. Nur meiner konzentrierten Fahrweise verdanken die beiden ihr Leben. Ich konnte nach rechts ausweichen und stand dann gefährlich nahe an den Bäumen am Bankett. Wenn da ein Graben ist, geht die Sache nicht so glimpflich aus.
Und die letzte Story zum 2-rädrigen Ärgernis – 2011, auch in den Dolomiten. Ich weiß nicht mehr genau auf welchen Pass wir da fuhren, aber ich glaube es war die italienische Seite des Timmelsjoch. Da gibt es einige Tunnels, die unbeleuchtet sind. In einem der Tunnel traute ich meinen Augen nicht – 3 Radfahrer, ohne Licht, laut quatschend nebeneinander. Da kommt man aus der prallen Sonne in den Tunnel und testet wieder mal seine eigene Reaktionszeit.

Das waren jetzt nur 3 Beispiele aus einer Vielzahl von „unangenehmen“ Begegnungen mit Radlern. Die Besten fühlen sich praktisch unzerstörbar und in einen Schutzschirm gehüllt, der jede Blödheit mildert. Aber um sie herum ist das echte Leben, in dem Knochen brechen können und Haut aufreißen kann. Ein klein wenig an Selbstschutz würde ihnen nicht schaden.

Die Frage, die sich mir bei all den Geschichten stellt – egal ob Auto, Motorrad oder Radfahrer – wenn ich der Herausforderung des Bergfahrens nicht gewachsen bin, warum tue ich mir den Stress an und gefährde mich und andere?

Bildquelle: Gerhard Riedl

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