Mitternachtsgedanken: Philip Hünteler mit „Harmonie bei 130“

VON Philip Hünteler

Unter dem Motto „Mitternachtsgedanken“ habe ich verschiedene Blogger, Schreiber und Influencer gebeten sich um Mitternacht bei einem Glas Rotwein an ihre Notebooks zu begeben und sich über das auszulassen, was sie im Straßenverkehr am meisten aufregt. Heute schreibt Philip Hünteler von tuning-stories.de.

Philip Hünteler betreibt als Redakteur seit mehreren Jahren das Online-Automagazin Tuning-Stories.de und schreibt leidenschaftlich über ausgefallene wie schnelle Sportwagen. Tief im Inneren schlägt sein Herz für alles, was vier Ringe im Grill trägt.

Willkommen in Deutschland, es wird mal wieder links gefahren. Irgendwie doch etwas seltsam anmutend, wo wir doch eigentlich mit dem Rechtsfahrgebot verlobt sein sollten. Aber keine Sorge, der Deutsche ist ein Effizienzmonster. Und das bedeutet: Es muss sicher und mindestens genauso flott vorangehen. Welche Spur nehme ich da wohl? Logo, die möglichst linke natürlich, die für Überholer und Besserfahrer. Dabei macht es nicht einmal zwingend einen Unterschied, ob sich die Situation in der Stadt, auf einer vierspurigen Bundesstraße oder doch auf der „German Autobahn“ abspielt. Gewonnen wird, wo links gefahren wird. Doch was, wenn ausgerechnet ein Schleicher das Rennen mit einem Vierzigtonner für sich entscheiden möchte?

Der Grundgedanke einer mehrspurigen Straße liegt eindeutig auf der Hand: Mehr Verkehr braucht mehr Platz. Und wenn ich die Straße nicht doppelt so lang bauen will, geht es einfach mehr in die Breite. Eine geniale Idee, vorausgesetzt die Spuren werden gleichermaßen (Stadtgebiet) bzw. je nach gefahrenem Tempo (Überland und Autobahn) genutzt. Gefühlt klappt dies in den seltensten Fällen wirklich gut, denn jeder denkt ja ein bisschen mehr an sich als an die Gesamtverkehrslage. Also fahre ich am besten schon drei Kilometer vor der nächsten Kreuzung in die linke Spur, ich muss ja später schließlich mal abbiegen, sicher ist sicher. Selbiges auf dem Highway: Oh, das sieht in drei Kilometern nach LKW aus. Also wird auch hier der Spurwechsel schnellstens vollzogen: Gucken, Blinken, Rüberziehen sind ein und derselbe Vorgang – nicht selten zum Nachteil derer, die ihren 535xd mit Tempo 230 gerne weiterbewegt hätten und jetzt von ihren genuteten Bremsdisketten Gebrauch machen dürfen.

Ich persönlich halte nicht viel von sinnbefreiter und gefährdender Raserei, dafür zwingt mich mein mittlerweile 16 Jahre alter Golf 4 viel zu oft zur Genügsamkeit und nicht selten auch auf die rechte Spur. Doch hin und wieder überkommt es auch mich, denn schließlich sind mit etwas Mühe auch mal 180 Km/h machbar und dann fühlt man sich linksseitig der Straßenkreuzer einfach besser aufgehoben. Doch wie ich mich auch entscheide: Es gibt selten eine Autobahnfahrt, die mich nicht mindestens ein wenig in Stress versetzt. Überhole ich die LKWs mit sanftmütigen 120, ist die Tanknadel zwar länger bei Laune – die nächste Lichthupe einer Avantgarde E-Klasse im Rückspiegel aber dafür vorprogrammiert. Schlüpfe ich in die Rolle des zeitgestressten Geschäftsmannes, der gern kontinuierlich sein flottes Tempo fährt, stehe ich alle fünf Kilometer wieder auf der Bremse – wie man’s macht, macht man’s eben verkehrt. Zufall? Murphy’s Law?

Doch manchmal gibt es auch Lichtblicke, man muss nur gelegentlich den Schauplatz wechseln und neue Horizonte sichten. Unsere freundlichen Nationsnachbarn im Südosten sind ein gutes Beispiel, wie man alles eine Spur geschmeidiger angehen kann: Einheitstempo im ganzen Land. Wo bei uns im Kreise der Verächter nur geflucht wird, herrscht andernorts entspannter Konsens. Über die Sinnhaftigkeit einer flächendeckenden Vmax lässt sich nun mal streiten, Porschefahren wäre damit nicht mehr gleich Porschefahren. Und wer nachts einmal allein auf der A45 unterwegs war, schätzt die entfesselnde Atmosphäre eines kurvenreichen Temporausches jenseits der 130. Zumindest also von 22 bis 6 Uhr wäre ein Zwangslimit mehr als diskussionswürdig, das denke ich mir sogar in der österreichischen Highway-Prärie mit ihren gefühlten 23487 Tunneln.

Eines ist aber sicher: Je höher die Geschwindigkeitsdifferenzen ausfallen, umso mehr Spannung, Hektik und Unsicherheit macht sich unter vielen Autofahrern breit. Mündet dies in irrationalem Handeln, egal ob bei Rasern oder Schleichern, wird es nicht selten brenzlig. Entscheidungen, die durchTorschlusspanik ausgelöst werden, sind oft nur durch eine ABS-gestützte Vollbremsung zu entschärfen – Stichwort „Gucken, Blinken, Spurwechsel als ein Vorgang“. Zum Glück sind die meisten PKWs sicher genug ausgestattet für so eine Amtshandlung, die beiwohnenden Fahrer sehnen sich meist aber nicht nach solch einem Schockmoment.

In solchen wie auch vielen anderen Situationen des Lebens hilft eigentlich nur und vor allem eines: Vorausschauendes Fahren! Es gibt keine bessere Medizin als die Prävention. Gäbe es ein Kondom für Blödheinis der rechten Spur, sie wären längst gesetzlich verpflichtend, direkt nach Warndreieck und Erste-Hilfe-Kasten – hoffentlich. Doch Papa Staat kann und will sich nun mal nicht um alles kümmern, also setzt man in Sachen Verkehrssicherheit ebenfalls auf Eigenverantwortung und den halbwegs gesunden Menschenverstand. Bevor ich eine Straße überquere, schaue ich zumindest mal auf die Ampelfarbe und manchmal auch nach links und rechts, klappt im Regelfall sogar ohne bleibende Halswirbelschäden. Warum manchen Auto- und LKW-Fahrern das aber so überaus schwer fällt, andere in ihrem Spurrecht angemessen zu respektieren, bleibt leider ein großes Fragezeichen. Im Worst-Case-Szenario fahren wir wohl einfach alle den Schleichern hinterher, sicher ist sicher. Womit wir wieder bei der Frage nach Tempo 130 wären…

Anm. v. Driver’s Groove: Ich hatte mich auch schon mal über das Thema ausgelassen und eine spannende Diskussion ausgelöst. Siehe hier.

Bildquelle: Can Struck / Driver’s Groove