#thepluses2 Teil 4: Erschöpfung, die Nacht der langen Messer und das Meer

Die Nacht war viel zu kurz. Als ich morgens die Augen öffne sehe ich gar nichts. Nicht mal die Hand vor Augen. Unser Raum hat kein Fenster. Den Wecker hatte ich auch vergessen. Irgendwo am Rande meiner Wahrnehmung fragt Melegim wann wir eigentlich aufstehen wollten.

Kurz nach 5 Uhr morgens sind alle mehr oder weniger wach. Viel geredet wird nicht, jeder packt seine sieben Sachen und schafft sie nach draußen in die Autos. Die Lobby des Hotels ist abgeschlossen, wir nehmen den Weg über die Terrassentüren.

Wir alle reden mit schlaftrunkenen Augen und brüchiger Stimme. Wichtig ist nur vor Anbruch des Tages unterwegs zu sein. Beim ersten Pass wollen wir den Sonnenaufgang erleben.

Und wieder fühlt es sich toll an endlich wieder in den Audis zu sitzen. Nicht etwa in fremden Hotelbetten. Nein, auf den Sportsitzen und in dem Wageninnenraum, der längst unsere Düfte aufgenommen hat. Im R8 mit dem Melegim und ich fahren riecht es ein wenig nach Feuchtigkeit, bisschen nach Baguette und nach süßen Softdrinks und stellenweise auch nach Dreckwäsche. Klingt übel. Aber das muss. Gehört zu einem Road Trip dazu wie die Kühe oder die diversen Gratwanderungen.

Bevor wir uns auf den Weg zum COL DE VARS (2109m) machten, wollten wir noch einen  Abstecher nach Château-Ville-Vieille einbauen. Denn irgendwo dort soll die unbedingt sehenswerte Mondlandschaft Casse Déserte versteckt liegen. So jedenfalls hatten wir das notiert. Leider haben wir 15km zu weit südlich danach gesucht und entsprechend rein gar nichts gefunden. Als dann noch Jonas, unser Kameramann, spontan aus dem Q7 sprang und spurlos über einen verlassenen Feldweg im Wald verschwand, schien der Pass im Sonnenaufgang plötzlich in weite Ferne gerückt. Eine halbe Ewigkeit später kam über Funk von Milena die erlösende Botschaft, dass er gesund wieder zurück sei. Sie hatte sich auf die Suche gemacht während wir mit R8 und RS5 bereits wieder runtergefahren waren und in Château-Ville-Vieille am Straßenrand standen.

Vollzählig konnten wir uns endlich wieder auf den Weg machen. Bei Kälte, dem ersten Zwielicht und menschenverlassenen Straßen rasten wir dem Col de Vars entgegen. Dabei schlängelt sich die Straße entlang dem Fluss Le Guil und bietet eine grandiose Kulisse die auch einer James Bond Verfolgungsjagd das nötige Flair verschaffen könnte. Enge Straßen, Tunnel, Wasserfälle, breite Straßen… von allem etwas, immer den natürlichen Biegungen des Flusslaufes folgend.

Bei der Auffahrt zum Col de Vars erreichten uns bereits die ersten Sonnenstrahlen. Umgeben von einer in tiefes Rot getauchten Umgebung fuhren wir sanft den Pass hoch während Jonas die gesamte Auffahrt filmte. Bei Melegim zeigte sich immer mehr die Müdigkeit. Langsam blieben selbst in den Kurven ihre Augen geschlossen und irgendwann war sie auch eingeschlafen. Der Pass jedenfalls hat bei uns auch gar nicht den Eindruck erweckt als dass man ihn hinaufrasen müsste. Ganz zu schweigen davon dass wir sowieso ein wenig neben uns standen. Lieber Sonne genießen und die Umgebung auf sich wirken lassen.

Nach dem Col de Vars erreichten wir Barcelonette, ein kleines malerisches Örtchen. Dort konnten wir frühstücken. Inzwischen war der Tag angebrochen und auf den Straßen das geschäftige Treiben der Anwohner Barcelonettes zu beobachten. In einem kleinen sympathischen Café sorgten wir für unsere Stärkung und deckten uns im Carrefour noch mit Getränken ein. Einen Tankstopp später waren wir auch schon unterwegs zum COL DE LA CAYOLLE (2323m), dem höchsten Pass des heutigen Tages.

Auch hier war die Auffahrt wieder eng, doch waren wir froh es weiterhin entspannt angehen zu können. Irgendwie war die Luft raus und es tat gut mal so unterwegs zu sein wie man es auch mit Familie wäre. Entspannt ging es hinter dem Q7 her. An diesem Tag hatten wir eigentlich das erste Mal die Gelegenheit uns ausführlicher zu unterhalten.

Noch bevor wir die Passhöhe erreichten hielten wir in einer wunderschönen Linkskurve. Links eine Bergquelle die unter der Straße hindurchfloss, rechts der Ausläufer des noch stehenden Schnees. Wir genossen die Heidi-Atmosphäre und nahmen noch eine Schippe aus unserem Tempo heraus. Die Sonne knallte nur so auf unsere Köpfe. Ein selten leckerer Schluck aus der Gebirgsquelle führte uns wieder die nötige Energie zu. Langsam kämpften wir uns danach weiter den Berg hinauf bis wir, links und rechts von hohen Schneewänden umschlossen, den höchsten Punkt auf 2323 Metern erreichten. Zum schnell Fahren ist der Cayolle also weniger geeignet als um die Umgebung zu genießen. Trotzdem hatte ich das Gefühl auch hier zu wenig Zeit für das Naturspektakel zu haben.

Auch hinunter vom Cayolle, in südlicher Richtung also, ist die gebotene Kulisse auf 5-Sterne-Level. Kleine Berghütten, viele hohe Wasserfälle, hoher Schnee am Straßenrand, einige kleine Seen und die eine oder andere Serpentine.

Als wir vom Cayolle runter waren war uns auch schon klar dass wir eigentlich nur noch den Col de Turini auf unserer To-Do Liste haben. Alle Anderen noch kommenden Pässe sind mehr oder weniger eher ein Hindernis auf dem Weg dorthin. Entsprechend haben wir nach einem kurzen zusätzlichen Abstecher an die Gorges de Daluis Schlucht die Pässe einfach abgespult.

Die Gorges de Daluis Schlucht sollte man sich aber nicht entgehen lassen wenn man schon in der Gegend ist. Fast schon als ein kleiner Bruder des Grand Canyon zu erkennen leiten einen hier viele Tunnel, die eher als Tropfsteinhöhlen zu bezeichnen wären, mitten durch die hellroten Felswände. Zur linken geht es hunderte Meter abwärts, zur rechten hunderte Meter aufwärts.

Wieder zurück auf der eigentlichen Route des Grandes Alpes folgen nun die vorhin erwähnten “unwichtigeren” Passkandidaten: COL DE VALBERG (1669m), der COL DE LA COUILLOLE (1678m) und der COL SAINT-MARTIN (1500m).

Zum Col de la Couillole wäre höchstens anzumerken dass die Abfahrt verdammt eng ist. Links Felsen, rechts Leitplanke und dazwischen kaum Platz für zwei Autos. Dazu auch noch jede Menge fiese, nicht einsehbare Kurven. Wenn man dann zwei Drittel heruntergefahren ist darf man sich nicht über den plötzlichen Platzregen wundern. Nach dem Bremsung und dem Schließen des Verdecks durften wir feststellen, dass es keine 300 Meter weiter wieder aufhört. Es handelt sich vielmehr um heftiges Spritzwasser von einem hohen Wasserfall über einem.

EPILOG

Wie soll man es sonst nennen, wenn nicht Epilog? Der COL DE TURINI (1604m) ist wohl der bekannteste Pass auf der Route des Grandes Alpes. Schließlich wurde hier früher im Rahmen der Rallye Monte Carlo die Nacht der langen Messer gefeiert und damit Geschichte geschrieben. Bei tiefer Nacht rasten die Rallyeboliden hier den Hügel hinauf. Und wer einmal die gemauerten Serpentinen am steilen Hang gesehen hat, die sich ähnlich den Level in alten Atari-Klassikern diagonal den Hügel hinauf ziehen, der kann ahnen wie beeindruckend das damals ausgesehen haben muss. Wie die Autos mit ihren Lichtbatterien auf der Motorhaube in Reih und Glied hochglitten und sich bei jeder 180 Grad Kurve der Lichtkegel umdrehte.

Hier hat uns der heftigste Regen unserer Reise gefunden und hämmert gnadenlos auf die Audis ein. Ich selbst bin schon so erschöpft dass ich nicht Willens bin noch übermäßig Gas zu geben, Sebastian dürfte es nicht anders gehen. Trotzdem schaffen wir es irgendwie den Pass so gut wie möglich zu filmen. Aussteigen zu müssen ist bei dem Regen die reinste Strafe. Melegim auf dem Beifahrersitz im RS5 sagt gar nichts mehr. Sie hat sich ein Kissen genommen und versucht immer wieder die Augen zu schließen.

Sie fragt mich was heute noch ansteht. Ich sage ihr, dass wir den Pass filmen, danach noch über den Col de Castillon nach Menton fahren müssen, dann eigentlich noch der aufgrund des Rennens am vergangenen Wochenende nicht abgebauten Formel 1 Strecke in Monaco einen Besuch abstatten wollen und dann eine Unterkunft für die Nacht finden müssen.

Sie sieht mich mit leerem Blick an. “Das alles heute noch?” “Ja.”

Als wir dann endlich an der Ecke des Col de Turini ankommen, die jeder von uns so gut von Filmen und Fotos kennt, stehen wir für unsere Video-Ansage zufällig genau an dem Punkt, an dem auch Jeremy, James und Richard in der Top Gear Episode „Finding The World’s Greatest Driving Road“ (Season 10, Episode 1; Video) ihren Text aufgesagt haben. Ein wenig Leben kehrt in uns zurück ob der wunderschönen bevorstehenden Strecke. Gemischt mit Vorfreude auf das Meer. Das Meer! Für mich – es tut mir leid – schöner als die Berge. Aber nur halb so gut befahrbar.

Irgendwann am COL DE CASTILLON (628m) ist es dann so weit.

Der Himmel bricht auf, der Regen setzt aus und in einer Rechtskurve den Berg hinab sehen wir am Horizont zum ersten Mal das tiefblaue Meer. Und auf einen Schlag ist alles vergessen. Alle Strapazen, alle Probleme, alle Sorgen und aller Stress.

Die Stimmung ist von einer Sekunde auf die Nächste auf dem Höhepunkt. Wir nehmen die Kurven wie sie kommen, fahren entspannt hintereinander her und unterhalten uns reghaft per Funk. Dann setzen die Häuser ein, die ersten Geschäfte, die ersten Supermärkte und Ampeln. Wir sind an der Cote d’Azur angekommen. Willkommen in Menton.

Auf einem Supermarktparkplatz organisieren wir uns neu und fahren anschließend von Menton in Richtung Sanremo um ein Hotel zu finden.

Plötzlich überall Menschen, Autos, Stau, Lärm, Gerüche, Einbahnstraßen, keine Parkmöglichkeiten.. mit einem Wort: Eine völlig andere Welt der Sinneswahrnehmung. Doch nach dem anfänglichen “Fish out of a bowl” Gefühl kommt der Spaß zurück an roten Ampeln zu stehen und den Menschen zu zusehen wie sie die Autos beobachten. Oder die mehrspurigen Straßen zu nutzen um nebeneinander zu fahren. Dank Foursquare und Tripadvisor finden wir schnell ein günstiges Hotel mit Parkplatz. (Ich korrigiere: Die Suche spezifisch nach Hotels mit ordentlichem Parkplatz ist äußerst schwierig). Melegim und ich sind froh dass es in Italien ist und nicht in Frankreich. Der etwas ältere Portier bietet unserem Kameramann Jonas auch direkt an für weibliche Begleitung zu sorgen. “Oh, you have to stay alone in a room? I can get you girl. Just give me five minutes! No problem!” Mit typisch italienischen Akzent und wilder Geste, dabei einem freundlichen Lächeln im Gesicht. Wir lachen – zum ersten Mal seit Deutschland glaube ich.

Italians. You’ve got to love em. 🙂

Nach einer herrlich italienischen Pizza drehen wir mitten in der Nacht am Meer unsere letzten Aufnahmen. Es ist geschafft. Die Route des Grandes Alpes ist bezwungen und wir sind um einige Alpenerfahrung reicher. Es war eine grandiose Strecke und auch wenn man es nicht glaubt: 5 Tage können sich durchaus wie mehrere Wochen anfühlen. Man ist erschöpft vom Bombardement mit Sinneseindrücken, ist beschäftigt von früh morgens bis spät in die Nacht, wird ständig mit unerwarteten Situationen konfrontiert und macht somit wirklich alles andere als: Alltag.

Am nächsten Tag beschließen wir eine Nacht länger am Meer zu bleiben und dafür am Freitag direkt von Sanremo bis Köln (1120km) zu fahren. Zu schön ist es am Meer! Unseren “pluses” wollen wir unbedingt Nizza, Monaco und Cannes zeigen. Sebastian und ich sind öfter hier, unsere besseren Hälften hingegen noch nie. Und so fahren wir in Monaco noch die halb aufgebaute Formel 1 Strecke nach, kommentieren die Runde scherzhaft per Funk in überzogener Christian Danner und Heiko Wasser Art, düsen von dort weiter quer durch Nizza.

In Cagnes-sur-Mer muss ich daran denken, dass ich in der 9. Klasse zwei Wochen im Rahmen eines Schüleraustauschs hier war. Wir hatten abends immer beim McDonalds gefeiert, das direkt am Meer liegt. Damals lag ich schwer verliebt gemeinsam mit meinen Mitschülern am Strand in der Sonne und hörte auf meinem Discman “Freak Show” von Silverchair. Nicht im Traum hätte ich es mir damals (und ich war beileibe nicht weniger autoverrückt als heute) ausmalen können, dass ich mit einem roten Audi R8 Spyder und meiner Frau auf dem Beifahrersitz 17 Jahre später hier nochmal vorbeikommen würde.

Von dort fahren wir bis nach Cannes, fahren die berühmte Flaniermeile Boulevard de la Croisette mit unseren jetzt wieder blitzsauberen Audis lang, vorbei am Palais des Festivals et des Congrès, in dem die Filmfestspiele stattfinden. Lassen uns einfangen von der Lebensart und dem unglaublichen materiellen Reichtum der uns hier umgibt. Zählen die Filme die hier gedreht wurden und die Sportwagen, die vor, neben oder hinter uns stehen und hören französische Pop-Musik.

Ein Stück weiter halten wir am Straßenrand, direkt am breiten Sandstrand. Ziehen uns die Schuhe aus und rennen auf das Meer zu. Wir sind da.

Oben könnt ihr euch durch die Fotos klicken.

 


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Fahrzeuge: Audi R8 V10 Spyder & Audi RS5 Cabrio
Strecke: Route des Grandes Alpes, Südfrankreich
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Fahrzeuge: Audi R8 V10 Plus & Audi TT RS Plus
Strecke: Österreichische / Italienische Alpen
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Passion:Driving – Teil 1 | Teil 2

Fahrzeug: Audi RS 5 Cabriolet 4.2 FSI

Lackierung: Suzukagrau Metallic
Felgen: Aluminium-Gussräder im 5-V-Speichen Design in Titanoptik, glanzgedreht 20 Zoll
Polster/Leder: schwarz/schwarz/felsgrau

Motor: V8-Ottomotor
Hubraum: 4163 cm3
Leistung: 331 kW (450 PS)
Drehmoment: 430 Nm

Getriebe: 7-Gang S tronic
Antrieb: QUATTRO Allradantrieb
Beschleunigung 0-100 km/h: 4,9 s
Höchstgeschwindigkeit Vmax: 250 km/h

Türen/Sitze: 2/4
Verbrauch kombiniert: 10,7 l/100 km
CO2-Emission: 249 g/km

Preis: 117.645,00 €

Fahrzeug: Audi R8 V10 Spyder

Lackierung: Brillantrot
Felgen: Aluminium-Schmiederäder im 5-Doppelspeichen-Design in Titanoptik 19 Zoll
Polster/Leder: schwarz/schwarz/silber dunkel Volleder Feinnappa

Motor: V10-Ottomotor
Hubraum: 5204 cm3
Leistung: 386 kW (525 PS)
Drehmoment: 530 Nm

Getriebe: 7-Gang S tronic
Antrieb: QUATTRO Allradantrieb
Beschleunigung 0-100 km/h: 3,8 s
Höchstgeschwindigkeit Vmax: 311 km/h

Türen/Sitze: 2/2
Verbrauch kombiniert: 13,3 l/100 km
CO2-Emission: 310 g/km

Preis: 177.205,00 €

 

Bildquelle: Can Struck / Driver’s Groove

DISCLOSURE: Die Audi AG hat uns freundlicherweise die Fahrzeuge zur Verfügung gestellt und die Spritkosten übernommen.