Von Pässen, Familie und italienischer Lebensart – thepluses Staffel 4 Teil 2

Stressmanagement.

Eigentlich haben wir uns – nachdem wir ja zwei Tage im gleichen Hotel bleiben und nur einen Pass filmen wollen – ausgerechnet, dass wir viel Freizeit haben würden. Doch schon am ersten Abend zieht sich die Arbeit wieder bis in die frühen Morgenstunden. Am Morgen danach habe ich einfach keine Lust mehr. Immerhin ist ja auch unser Sohn dabei und ich wollte mit ihm Zeit verbringen. Viel Zeit verbringen. Belgin bekommt das natürlich als Erste mit und da ich direkt morgens ein paar Sachen im Supermarkt besorgen will, meint sie ob ich nicht einfach Sonat mitnehmen möchte.

Was später naheliegend scheint, kommt mir zu diesem Zeitpunkt wie eine absurde Idee vor. Ich werde das andauernde Stressgefühl nicht los, denke ich müsste mich beeilen um schnell mit dem Dreh am Passo Fedeia zu starten. So bin ich eben. Wenn ich etwas erledigen muss, halte ich mich ran und mag es nicht irgendwo Zeit liegen zu lassen, wenn nicht unbedingt nötig. Aber wie Belgin eben so ist, meint sie zu mir nur trocken „Ach, mach dir keine Gedanken. Die anderen brauchen bestimmt auch länger bis sie bereit sind. Mach das einfach in aller Ruhe.“

Also warum nicht? Mit diesen zwei Sätzen ist mir irgendwie der Druck genommen. Belgin hat meistens Recht und kann in solchen Situationen immer die richtigen Rückschlüsse ziehen. Ich nehme Sonat also an der Hand, verabschiede mich von dem Gedanken rechtzeitig irgendwo zu sein, schiebe es für mich in die „egal“ Ecke und mache mich mit Sonat und dem Porsche 911 Turbo bei wunderschönem Wetter auf die Suche nach einem Supermarkt.

Die schönsten Dinge auf dieser Welt sind kostenlos.

Die darauf folgende Stunde ist für mich die mit riesigem Abstand (gefolgt vom Tag am Gardasee) schönste Stunde des gesamten Roadtrips. Sonat sitzt hinten im Porsche und erzählt mir die gesamte Fahrt über Dinge, die er mit den beiden Töchtern von Robin erlebt hat. Wir halten beide Ausschau nach Supermärkten und sehen uns die ganze Ortschaft an. Auf dem Supermarkt-Parkplatz beschließen wir kurzerhand die Sticker auf dem Porsche zu entfernen (Sebastian hatte ihn gestickerbombed – siehe Video). Mir ist völlig egal, wieviel Zeit Sonat und ich hier verbringen. Wir reden noch über die vielen kleinen Bildchen auf den Stickern, danach darf er im Supermarkt einen Einkaufswagen holen und er allein darf entscheiden, welche Sachen wir für Belgin und ihn besorgen (denn die Beiden kommen nicht mit auf den Passo Fedeia). Nachdem die Einkäufe im Porsche verstaut sind, heben wir am Bankautomaten noch Geld ab, setzen uns wieder in den 911 Turbo und fahren noch ein wenig ganz entspannt durch die Gegend. Ich muss mir ehrlich eingestehen, dass ich gar nicht unbedingt wieder zurück wollte. Diese eine Stunde mit Sonat hat mir die Energie und Lust gegeben, um weiterzumachen. Und der Gardasee ist ja nicht mehr weit weg – spätestens dort wird sowieso alles anders werden.

Die Jungs fahren dann mal auf den Passo Fedeia.

Porsche 911 Turbo, Audi R8 V10 und Nissan GT-R machen sich danach auf den Weg zum Lago di Fedeia am Passo Fedeia. Wir durchfahren wieder die vielen langgestreckten Gallerien, folgen der Straße entlang des trockenliegenden Seeufers und suchen uns einen Ort, von dem aus wir den Pass ausgiebig filmen und den Livestream machen können. Auch nach mehrmaliger Fahrt ist dieser Pass phantastisch schön. Wir sind so sehr gefesselt in dem Moment, dass wir eigentlich fast den ganzen Tag auf der zwischenzeitlich bitter kalten Passhöhe verbringen. Irgendwann verabschiedet sich Robin mit dem GT-R, was eine gute Entscheidung ist. Und mit der Fahrt zurück ins Hotel markieren wir einen Wendepunkt auf unserem Roadtrip.
Passo Fedeia mit Blick auf Lago di Fedeia

Mieses Wetter, große Emotionen und mittelmäßige Pässe.

Denn ab diesem Zeitpunkt ändern sich zwei Dinge grundlegend:
1. Team Robin verlässt uns schweren Herzens
2. Das Wetter ist – vermutlich bedingt durch 1. – grottenschlecht.
Obwohl wir eigentlich noch einen Zwischenstopp mit Übernachtung in Bozen machen wollen, bringt uns das Wetter dazu umzudenken. Wir fahren lieber direkt bis zum Gardasee durch. Aber eines nach dem anderen.

Wir beginnen den Tag mit eigentlich sehr schönen Pässen, auf denen es aber dermaßen schüttet, dass wir kaum schneller als Stadtgeschwindigkeit fahren können. Sowohl der Audi R8 als auch der Porsche 911 sind auf den sehr performance-orientierten Reifen in den überfluteten Spitzkehren bedenklich fragil in der Spur und schlittern ständig untersteuernd Richtung Kurvenausgang. Aber auch die langsame Fortbewegung hat ihren Charme. Die Landschaft liegt verborgen hinter einem dichten Nebel, der in Schwaden in den Senken liegt und hier und da aufreißt, um einen Blick in die Ferne freizugeben.

 

Wir drehen ein paar wenige geplante Szenen und beschließen, in einer dieser Szenen unseren „echten“ Emotionen überschwänglich freien Lauf zu lassen. Die Tage zuvor hatten einige Kommentare auf Youtube bezüglich fehlender Emotionen bei Sebastian und (vermutlich vor allem) bei mir in unserer Crew zu vielen Diskussionen geführt. Soll man sich für das Publikum anders geben oder nicht? Welchen Zweck erfüllt das? Sind der Grund für die fehlenden sichtbaren Emotionen schlicht unsere Charaktere oder etwa die uns sehr bekannte Alpenregion, die uns keine Überraschungen bietet? Aber hey, wir haben beim Emotions-Dreh Spaß und dieses ganze Thema ist für uns damit erledigt. Irgendwie ist danach für uns auch der Dreh gänzlich besiegelt und wir navigieren relativ schnell über den Rest der Route und die kaum noch spannenden verbliebenen Pässe, besorgen uns in Bozen Sandwiches zu Mittag, organisieren ein Haus per airbnb nahe Spiazzi am Gardasee und machen uns auf den Weg dort hin.

Roadtrip-Feeling im Autobahnstau.

Der schnellste Weg führt über die Autobahn. Auf der Autobahn erwartet uns zähfließender Verkehr, dem wir nicht mehr ausweichen können. Aber irgendwie ist es nach den vielen Passstraßen auch schön. Weil wir sonst immer drehen und die Funkgeräte hören müssen, können wir keine Musik hören. Hier auf der Autobahn, mit den zwei auffälligen Sportwagen und dem Q7, spielt das keine Rolle mehr. Wir drehen im Porsche die Musik auf, lehnen uns zurück und… schalten ab. Es ist eine Art Belohnung nach den anstregenden Tagen in den Bergen und ich habe genau in dem Moment, genau auf der Autobahn das mir so vertraute Gefühl nicht mehr aus dem Auto aussteigen zu wollen. Einfach weiterzufahren, egal ob Tag oder Nacht und erst dann zum Stehen zu kommen, wenn ein endender Kontinent mir die Straße nimmt.

Endlich ein wenig Italien!

Das Haus, das Sebastian auf airbnb aufgetrieben hat, begeistert uns. Es ist riesig, mit Zimmern für alle, gemütlichem Esszimmer, das wir zum Schnittraum umwandeln und einer schönen Küche. Unsere italienischen Gastgeber empfangen uns warmen Herzens. Wir besorgen Zutaten für ein entspanntes gemeinsames Abendessen, das Belgin kochen will während wir einen Livestream starten. Ehrlich gesagt, sehe ich noch heute diesen Livestream auf Facebook total gerne. Denn er fängt für mich die Situation und Stimmung zu dem Zeitpunkt so wundervoll ein. Wir sind alle glücklich, entspannt, müde und hungrig:

Wir bleiben einen Tag länger hier als geplant – auch einen Tag länger als Sebastian und Katrin. Den ersten Tag verbringen wir komplett am Gardasee, fahren mit der Fähre, freuen uns über die begeisterten Italiener (selbst LKW-Fahrer lassen ihre Motoren aufheulen, damit wir es ihnen gleich tun) und tauschen zu später Stunde das einzige Mal auf dem Trip unsere Sportwagen. Abends essen wir im Garten des Hauses gemeinsam mit unseren Gastgebern Pizza, trinken viel Wein und grillen ein wenig Fleisch. Irgendwann schläft Sonat auf meinem Schoß ein, so wie ich früher auf dem Schoß meiner Mutter, wenn in den milden Nächten Istanbuls die Abende mit den Verwandten länger wurden als geplant. Ich freue mich, dass er auch solche Erfahrungen sammeln darf. Weil ich mich sowieso immer frage, an welche Dinge aus seinem Alltag er sich in 10 Jahren noch erinnern wird. Natürlich hoffe ich, dass er sich an diesen gut gelaunten Abend unter sehr herzlichen und liebevollen Menschen erinnern wird. Vielleicht sagt er dann irgendwann:

„Da waren wir doch mit dem blauen Porsche 911 Turbo unterwegs, dessen Spoiler ich so toll fand. Und ich weiss noch genau, wie ich so schrecklichen Husten hatte. Bei den zwei Mädels habe ich immer mit meinem Autowissen geprahlt und die fanden das faszinierend. Bei unserem gemeinsamen Einkaufen in diesem kleinen Ort habe ich übrigens meine Liebe zu Fanta entdeckt. Warst du da nicht irgendwo mit dem Porsche gegen die Leitplanke gefahren? Aber am Ende saßen wir in diesem großen Garten und ich bin bei dir eingeschlafen.“

Darum mache ich Roadtrips.

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