Wenn das Auto hoffentlich nicht steckenbleibt. Geschichten aus Afrika.

Roter VW Käfer an Holzbrücke

 

(Zu allererst: Das hier gezeigte Foto stammt nicht aus Afrika sondern aus Südamerika, aufgenommen 1987)
Wo sind die guten alten Tage hin (nicht dass ich zu der Zeit einen Führerschein gehabt hätte) als man sich noch aus seinem eigenen Dreck ziehen musste? Die Situation in die man sich durch eigene Fahrweise hineinmanövriert hat? Zu einer voll vernetzen Zeit in der man jederzeit über Handy Hilfe rufen kann ist es kaum noch vorstellbar das das Zusammenbrechen des Autos zu einer schwierigen Situation führen könnte. Die gelben Engel sind überall.

Da hört man Geschichten vom Vater wie mit Strumpfhosen Keilriemen ersetzt werden mussten oder Löcher im Kühler mit gekautem Brot von innen abgedichtet wurden und es klingt nach Abenteuer. Werde ich meinem Sohn erzählen dass die Elektrik meines Autos plötzlich komisches Verhalten an den Tag legte und ich per Handy den ADAC alarmieren musste? Ich bezweifle es.

Doch es gibt zum Glück diese Abenteuer noch, man muss nur etwas mutig sein.

Es ist 2001, ein heißer Sommer. Ich stehe kurz vor dem Abitur und habe bereits meinen Führerschein. Nichts ist schöner als fahren, das war mir schon lange vorher klar. Vor dem üblichen Besuch in Istanbul geht es dieses Jahr nach Namibia. Zwei Wochen an der Westküste Afrikas in Vorbereitung für eine Universitätsexkursion meines Vaters. Es gilt Strecken abzufahren, Übernachtungsmodalitäten zu klären und mit den Leuten zu reden die bald eine größere Gruppe Studenten empfangen werden.
Mir ist am zweiten Tag immernoch durch Jetlag und die deutlich andere Luft schwindelig. Dazu ist es fürchterlich kalt in Windhoek. Es wird auch den gesamten Aufenthalt über so bleiben. Allerdings dann nur Nachts. Tagsüber hat es 38 Grad im Schatten und mehr. Wasserflaschen werden da schnell zum besten Freund.

Wir nehmen unseren Pickup-Truck in Empfang. Fragt mich nicht ob Isuzu, Toyota oder was auch immer. Es ist zu lange her und Fotos existieren nur als Dias, die lange verschollen sind. Doppelkabine und überdachte Ladefläche. Die wird mit Zelten und Vorräten beladen bis an die Oberkante. Übernachtet wird in den kalten Wüstennächten natürlich ausschließlich im Freien. Die Taschen und Koffer ketten wir jedesmal beim Beladen gewissenhaft mit Schlössern an die Karosserie des Pick-Up.

Die erste Herausforderung ist auch gleich der Linksverkehr in der Innenstadt von Windhoek. Die nächsten Wochen geht es über unbefestigte Straßen kreuz und quer durch Namibia, nach Westen, Osten, Norden. Der Sand in der Namib-Wüste ist so fein, dass kein Filter im Auto der Belastung standhält. Bald ist sowohl alles was sich auf der Ladefläche befindet also auch der gesamte Innenraum mit feinem roten Staub überzogen. Er lässt sich nichtmal mit der Hand abschütteln, da muss schon Wasser her.

Größtenteils kommen wir gut durch, die meisten Straßen sind doch recht gut. Ein paarmal müssen wir Räder vom Sand freischaufeln um weiterzukommen, aber es gibt nie größere Probleme.

An einem großen wunderschönen Wasserfall campen wir mal wieder, am nächsten Tag früh morgens um 8 geht es auf die Horrorstrecke schlechthin.

Das Ziel: 21km „Straße“, 8 Stunden Zeit (bis es dunkel wird) um am anderen Ende rauszukommen. Einzige Hilfsmittel Satellitenkarten und ein GPS-Gerät.

Anfangs ist die Straße noch Straße, doch recht schnell wird aus der Straße ein Weg und noch schneller aus diesem Weg ein Trampelpfad. Riesige Steine müssen umfahren werden oder mit dem Rad exakt überfahren werden um schäden an den Achsen oder der Aufhängung zu vermeiden. Immer ist einer von uns draußen vor oder hinter dem Auto und gibt Signale wann es knapp wird. Die Strecke zieht sich und zieht sich. Kurz danach die erste wichtige Entscheidung.

Man sollte wissen dass wir zur Regenzeit unterwegs sind und mehrere Informationsquellen im Vorfeld uns unterschiedliches gesagt haben was die Befahrbarkeit der Strecke angeht. Es müssen mehrere Flüsse überquert werden die sich, falls sie Wasser führen, schlichtweg nicht überqueren lassen. Wir wollten es trotzdem versuchen und nun hatten wir das erste Flussbett vor uns. Es war trocken, kein Wasser. Ab hier gilt: Durchfahren wir diesen Fluss kann es auch passieren dass auf dem Rückweg (falls das nötig wird) alles anders aussehen kann. Also: Meine erste Flussbett-Durchquerung. Der einzige Rat meines Vaters: Gib gut Gas und versuch nicht zu schalten. Bleibst du unten im Flussbett stecken kommen wir nicht mehr raus. Seilwinde gab es keine am Fahrzeug. Also mit ordentlich Anlauf im zweiten oder sogar dritten Gang halsbrecherisch die Böschung runter, durch das sandige und extrem weiche Flussbett fahren, den Atem anhalten während das Auto mit der Schnauze voraus sich immer weiter in das Flussbett hineingräbt während es auf die andere Böschung zugeht. Dann wird der Boden wieder fester, die Schnauze hebt sich wieder aus dem Sand und…. puh, Glück gehabt, der Schwung reicht um auch wieder herauszukommen.

Danach erwarten uns traumhafte Landschaften. Bäume die nur so von Vögeln und Affen überbevölkert sind, idyllische kleine unberührte Naturinseln. Die zweite Flussdurchfahrt geht schon routinierter. Bei der dritten macht uns die schiere Breite des Flussbettes etwas Sorgen und die Tatsache, dass genau dort wo wir rausfahren wollen ein alter freundlicher Himba-Mann unter einem toten Baum sitzt und uns beobachtet, ein Lächeln umspielt seine Lippen. Für solche Situationen haben wir Süssigkeiten und Tabak dabei, in rauhen Mengen. Immer wieder kommen Kinder ans Fenster gerannt und halten die Hände offen. Da ist es nützlich Geschenke dabeizuhaben.

Mein Vater schnappt sich den Tabak und geht zu dem Mann rüber. Sie unterhalten sich ein wenig, der Mann bewegt seine Hände und gestikuliert viel, redet förmlich über seine Hände. Worüber sie reden wissen sie beide nicht recht, aber sie scheinen sich gut zu verstehen. Der Mann steht auf und setzt sich ein Stück weiter links wieder hin. Nicht wirklich viel aber es ist ein Fortschritt. Dann geht’s los. Vollgas, Augen zu. Das Flussbett ist so breit dass ich doch Schalten muss. Bei der Zugkraftunterbrechung wird das Auto förmlich vom Boden angesaugt, Schnauze taucht weit ein und die Drehzahl fällt auf ein Niveau das fast nicht mehr für den nächsthöheren Gang reicht. Trotzdem: Es geht immernoch vorwärts! Auf den letzten 5 Metern zweifle ich schon am Erfolg des Versuchs, doch dann ein riesen Satz und der Pick-Up truck landet auf festem Boden, krallt sich fest und zieht sich die letzten Meter der steilen Böschung herauf.

Inzwischen ist es sehr spät geworden, der Weg wird immer enger, kaum ein dicker Ast der nicht am Lack kratzt. Auf einer kleinen Anhöhe vergewissern wir uns unserer Position via GPS-Koordinaten und Satellitenaufnahmen. Dem Zeitplan sind wir längst deutlich hinterher. Immer mehr Steine versperren unseren Weg. Steine bei denen wir an anderer Stelle auf keinen Fall weitergefahren wären. Aber für die Umkehr ist es viel zu spät und der Weg wäre genauso ungewiss wie die Reststrecke. Was es noch schlimmer macht: Auf dem Weg der hinter einem liegt weiss man welche Hindernisse erneut auf einen warten würden. Ein Ersatzfahrzeug oder Backup gibt es nicht. Selbsthilfe ist der einzige Weg. Sollten wir in der Wildnis Zelten müssen weil das Auto steckenbleibt oder einen Defekt hat haben wir genug Wasser für ein paar Tage, in beide Richtungen mindestens 10km Fussmarsch. Andere Menschen außer dem Himba-Mann sind uns nicht begegnet. Die Flüsse werden immer kleiner, führen inzwischen auch Wasser. Doch sie werden so klein dass es erneut Probleme gibt: Der Pickup-Truck hat für die V-förmigen, tiefen Flussbänke viel zu lange Überhänge. Der Kuhfänger bleibt immer wieder mit einem laut vernehmbaren „donk“ an Felsen hängen und hebt das Auto aus.

Es wird dunkler, inzwischen sind wir auf die Scheinwerfer angewiesen um etwas sehen zu können. Anderes künstliches Licht gibt es nicht. Absolute Dunkelheit da draußen. Die Strecke ist ungewiss und die Stimmung leidet immer mehr unter der Situation. Noch 5 Kilometer und es ist bereits 21 Uhr durch. Keine Rücksicht mehr auf Verluste. Wir wollen nur noch ankommen. Die Straße wird wieder zu einer Straße – oder zu dem was man noch so einer Strecke als Straße erwartet. Die ersten Häuser mit Licht und die große Erleichterung. ADAC war nicht nötig. Das Auto hat uns sicher über den Tag gebracht.